Die Hölle, das sind die anderen

Burgtheater /// 19. Februar 2022 /// Geschlossene Gesellschaft – Stück in einem Akt nach Jean-Paul Sartre

Was, wenn die Hölle weder Fegefeuer noch Unterwelt ist? Das Burgtheater präsentiert in der Regie von Martin Kušej Sartres ‚Geschlossene Gesellschaft‘ in neuer Form. Ein existentialphilosophischer Abend, der insbesondere durch eine Neukontextualisierung des Werkes besticht. 


Ein Mann, ein Raum, ein Kellner. Joseph Garcin, selbstbezeichnender Journalist und Literat, findet sich in der Hölle wieder. Die Hölle, das ist weder Fegefeuer noch Unterwelt, sondern ein scheinbar unendlich weiter Raumkomplex, bestehnd aus einzelnen Zimmern, Gängen und Treppen. Dorthin geführt wird Garcin von einem Kellner, der ihm seine Sachlage verständig macht. Eine monströse blanke Betonwand grenzt den dahingeschiedenen Literaten nicht nur von der Außenwelt, sondern auch von den anderen Verstorbenen der Hölle ab. Keine Spiegel, keine Fenster zieren den Raum, nur er allein befindet sich darin, nicht einmal seine Zahnbürste durfte er mitnehmen, braucht er ja nicht. Lediglich ein meterhohes „Gurkerl“, das sich, einer Phallus-Insignie gleich, vom steinigen Kieselboden abhebt, soll seinem ästhetischen Sinn genügen. Verändern wird sich die Szenerie nicht, denn „es bleibt alles genauso, [es ist] eine leere ewige Verheißung“, doch wird Garcin schon bald ‚Mitbewohner*innen‘ bekommen: Inès Serrano, zu ihrer Zeit Postbot*in und Estelle Rigault, Pariser*in des Bürgertums. 

© Matthias Horn

„Wozu ist man an diesem Ort?“ Und „warum ist das so zwanghaft quälend?“

Mit zunehmender Zeit wirken die Figuren verzweifelter, verwirrter und aggressiver. Der Raum, die Enge und die unausweichliche Konfrontation stellen sie immer wieder vor die Frage, warum überhaupt genau sie zusammen hier sind.

„grau, nüchtern […], man kann sich doch nirgends hinsetzen […] der Kies knirscht wie auf einem Friedhof.“

Das Stück behandelt Fragen der Schuld, der Existenz und des Zufalls. Ist es Zufall, dass sich die drei Unglücklichen an diesem Ort befinden oder wurde alles bis ins kleinste Detail festgelegt? Haben sie wirklich falsch gehandelt oder muss all dies einfach ein gewaltiger Irrtum sein? Die Enge und die Konfrontation mit den anderen führt zu dem Schluss: “Wir sind Verdammte.” 

Interessant an Martin Kušejs Regie ist vor allem die Anpassung des Theatertextes zugunsten des gesamtkünstlerischen Werkes. Nicht ein pompös wirkendes ‚Second-Empire-Zimmer‘ des Sartres ist es, das für die Inszenierung gewählt wurde, sondern eben ein schon fast von Endzeit strotzender steinerner Raum. Auch die Wahl des ‚Riesengurkerls‘ anstelle der, von dem Autor gewählten, Bronzestatue lässt eine neue Kontextualisierung des Stückes zu, indem man dieses als den omnipräsenten ‚Phallus‘ begreift. Dies kann wohl als Hommage an Sartres langjährige Partnerin Simone de Beauvoir gelesen werden, welche insbesondere für ihr Werk ‚Das andere Geschlecht‘ bekannt ist. Auch lässt die Inszenierung unter diesem Kontext den Blick vor allem auf der Figur der Inès haften. Trotz der im Stück symmetrisch aufgebauten Leidens-Trias scheint es als würde ihr, als der figurierten ‚Anderen‘, eine größere Macht zukommen, als hätte sie verstanden, worum es hier, an diesem trostlosen Ort, geht. Sie, die ihre Geliebte Florence an einen Mann verloren hat und nun auch beobachten muss, dass sie Estelles Herz nicht gewinnen kann, ist es auch, die schlussendlich die zentrale These des Stücks begreift, die Sartres Existentialismus ausmacht:

„Nur Taten entscheiden über das, was man gewollt hat.“


GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT
Stück in einem Akt nach Jean-Paul Sartre

Regie: Martin Kušej | Dramaturgie: Alexander Kerlin | Bühne: Martin Zehetgruber | Mitarbeit Bühne: Stephanie Wagner | Kostüme: Werner Fritz | Musik: Aki Traar | Licht: Michael Hofer | Schauspiel: Dörte Lyssewski als Inès Serrano, Regina Fritsch als Estelle Rigault, Tobias Moretti als Joseph Garcin, Christoph Luser als Kellner 


Mehr Informationen hier: https://www.burgtheater.at/produktionen/geschlossene-gesellschaft
Inszenierungsfotos: © Matthias Horn

Weitere Termine: 22. u. 26. Februar sowie 09., 13., 16., 17. u. 21. März 2022

X

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen