Toxisch-poetische Männlichkeit

Kosmostheater /// 15.Februar 2022 /// Knechte

Fünf Männer in einem Gefängnis, gefangen zwischen Männlich- und Verletzlichkeit, Gewalt und Poesie, Freundschaft und Intrige – Das Komostheater inszeniert Caren Jeßs sprachgewaltiges Stück “Knechte”.


Jerry, Özgün, Kevin und Arslan sitzen aus unterschiedlichen Gründen im Gefängnis. In Therapiesitzungen und in der Nacht müssen sie sich ihren eigenen Erfahrungen und Traumata stellen, bei den Spaziergängen im Hof kommt es jedoch zum Austausch zwischen den Männern. Da geht es anfangs noch um Klatsch und Tratsch rund um den Frauenmörder, der in Sicherheitshaft sitzt, entwickelt sich aber zu einer Aufarbeitung ihrer kriminellen Vergangenheiten, bei der sie sich untereinander öffnen, aber auch gegeneinander intrigieren. 

Die Männer haben unterschiedliche Strategien, um mit dem Leben in Haft zurechtzukommen. Einen wichtigen Teil spielt dabei die Kunst: Jerry rappt, Özgür schreibt Märchen und Arslan einen Brief an seine Freundin. Auch die Beschreibungen der Pflanzen, die der Frauenmörder zur Vergiftung der Frauen angewandt hat, sind Poesie. Alleine die Sprache der Dramatikerin Caren Jeß, die sich von ihren Erfahrungen mit Schreibworkshops in Gefängnissen inspirieren hat lassen, macht das Stück sehenswert: Die Monologe der Darsteller gleichen Gedichten, die wiederkehrenden Tierallegorien erwecken eine Transzendenz, ohne aufgesetzt zu wirken. Der hochgestochene Wortschatz von Özgür wird zwar thematisiert, doch die Sprache der anderen Protagonisten ist oft zu akademisch und wenig authentisch. 

Die Poesie ist eine der Anzeichen der Verletzlichkeit der Männer, die sie oft verstecken wollen. Doch während sie zu Beginn des Stückes ihre Männlichkeit mit viel Sport und einem an Gewalt angelegten Tanz zeigen, so beginnen sie sich mit fortschreitender Handlung zu öffnen, Gefühle zu zeigen und sich gegenseitig zu unterstützen. Dieses Spiel aus Privatheit und Gemeinschaft wird im Bühnenbild überzeugend dargestellt, das mit Vorhängen Wohneinheiten für die Insassen abgrenzt und die Vorderseite zum Ort der Begegnung gestaltet. Fast schade ist es vor dem Hintergrund dieser sich auflösenden toxischen Männlichkeit, dass es noch zu einer großen Eskalation kommt, ehe das Stück sehr abrupt endet.

Die Verhandlung von Identitäten in einem männlichen Kosmos wie dem Gefängnis ist ein sehr wichtiges Projekt, nur leider sind Aspekte der Charaktere stereotypisch: Frauenmörder sind Männer mit psychischen Problemen und Muslime. Die Entlarvung eines latenten Homosexuellen entwickelt sich für Kevin fast zu einer Obsession. Insgesamt gerät in “Knechte” die angepriesene Analyse von Misogynie und toxischer Männlichkeit zu kurz, ebensowenig werden die Geschichten der Männer zu gleichem Maße enthüllt.

Empfehlenswert ist das Stück dennoch insbesondere aufgrund seiner Inszenierung, seiner Besetzung und vor allem wegen seiner großartigen Sprache mit Tiefgang und Witz, der das Publikum formidabel unterhielt.


KNECHTE
von Caren Jeß
Uraufführung | Eigenproduktion

Regie: Ebru Tartιcι Borchers | Bühne & Kostüm: Sam Beklik | Choreografie: Azahara Sanz Jara | Musik: Notwork Recording Session unter der Leitung von  Imre Lichtenberger Bozoki, featuring Martin Hemmer, Benno Hiti und  Moritz Wallmüller | Video: Christian Borchers | Regieassistenz: Leonie Frühe

Mit: Nikita Buldyrski, Servan Durmaz, Alaaeldin Dyab, Kai Götting, Igor Karbus


Mehr Informationen hier: https://kosmostheater.at/produktion/knechte/

Fotos: (c)Bettina Frenzel

X

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen