Kunst ohne Skrupel

Uraufführung: Schauspielhaus Graz /// 22.03.2018 /// Böhm

„Wenn das Politische auf Sie zukommt, schauen Sie auf die Noten“: Nikolaus Habjan und Regiemitarbeiterin Martina Gredler inszenieren Paulus Hochgatterers Auftragswerk als Ein-Personen-Stück. Durch 11 von Habjan geführte Puppen entsteht ein bewegender Abend über den Dirigenten Karl Böhm, einem Unterstützer des Nationalsozialismus.


Der Abend beginnt in einem schlicht gehaltenen Wohnzimmer: Ein alter Herr im Rollstuhl und sein Pfleger unterhalten sich über berühmte Komponisten und Dirigenten – Künstlerinnen* finden dabei keine Erwähnung. Im Laufe des Stücks spielt der gebrechliche Mann unterschiedliche Ereignisse aus dem Leben Karl Böhms nach. Ob er lediglich passionierter Experte oder gar Böhm selbst ist, bleibt offen. Unbeirrt beginnt er mit der Anleitung einer fiktiven Probe Schuberts C-Dur. Erst nach mehreren Versuchen und harschen Zurechtweisungen gelingt es den Musiker*innen den perfektionistischen Dirigenten ansatzweise zufrieden zu stellen.

Diese Episode bildet den Einstieg in einen Abend, der von vielzähligen Ausflügen in Böhms Leben getragen wird. Seine über lange Zeit ausgeblendete Rolle als Unterstützer und Profiteur des Nationalsozialismus steht in diesem Stück im Mittelpunkt: Böhms Übernahme der Dresdner Semperoper von Fritz Busch, der von den Nazis ins Exil getrieben wurde, findet ebenso Erwähnung wie seine Begrüßung des Publikums mit Hitlergruß und Horst-Wessel-Lied im Wiener Konzerthaus 1938. Auch seinen Einzug in die arisierte Villa Regenstreif oder die Inkludierung in der „Gottbegnadeten-Liste“ durch Hitler klammert die Inszenierung nicht aus.

Unterbrochen werden diese Rückblenden durch Gespräche des alten Mannes mit seinem Pfleger sowie dessen kleiner Schwester. Insbesondere in der Interaktion mit dem Mädchen entstehen tiefe, berührende Momente. Böhm wird dadurch nicht nur als abstrakter Opportunist oder gar Monster dargestellt, sondern auch von seiner menschlichen Seite gezeigt. Ohne dieser wäre es einfach, ihn zu verurteilen und sich von ihm zu distanzieren. So aber wird sein Handeln unmittelbarer und regt zum Nachdenken über unsere lückenhafte Geschichtsaufarbeitung an: Wenn die Anbringung einer Tafel mit dem Hinweis auf Böhm als „politisch fatal Irrenden“ im weiterhin nach ihm benannten Foyer des Großen Festspielhauses in Salzburg als Errungenschaft gefeiert wird, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass wir selbst 75 Jahre nach Kriegsende noch einen weiten Weg vor uns haben.

Fazit: Nikolaus Habjan erweckt die 15 Figuren mithilfe von 11 Puppen zum Leben. Nahtlos wechselt er dabei zwischen den unterschiedlichen Rollen, betont aber dennoch die Einzigartigkeit jedes Charakters. Ein großartiger Theaterabend, der nicht nur zur Reflexion über unseren Umgang mit unserer nationalsozialistischen Vergangenheit einlädt, sondern auch die Frage nach der (Un-)Möglichkeit der Trennung von Werk und Künstler*in stellt. Selbst Puppenskeptiker*innen sollten sich das keinesfalls entgehen lassen!


BÖHM
von Paulus Hochgatterer
Uraufführung

Regie: Nikolaus Habjan | Regiemitarbeit: Martina Gredler | Bühne: Julius Theodor Semmelmann | Kostüme: Cedric Mpaka | Licht: Thomas Trummer | Dramaturgie: Elisabeth Geyer | Schauspiel: Nikolaus Habjan

Dauer: 100 Minuten

Weitere Informationen zum Stück: Klick!
Stream: Klick!


Fotos: © Lupi Spuma

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