Burgtheater /// 03. Jänner 2026 /// Das Ferienhaus
Das Ferienhaus. Der Titel lässt einen idyllischen Sommer vermuten oder einen Mord den Poirot aufklären muss. Beides gibt es auch – Sommer und Mord –, nur in einem wesentlich beklemmenderen und tragischeren Umfeld.
Die Stimmung ist aus Hendrik Ibsens Werken aggregiert, das Buch selbst stammt von Simon Stone, zusätzlich tun sich Parallelen zu Shakespeare auf und das alles auf der Bühne des Burgtheaters. In Das Ferienhaus findet viel zusammen und verquickt sich zu einem modernen Familiendrama.
Für den Zuschauer kann beinahe von einem Luxusprodukt gesprochen werden: was andere in für Millionen an Dollar produzierten Serien bingen, bekommt man hier für den Preis eines Sitz- oder Stehplatzes live und zum greifen nah an nur einem langen geboten.
Zwischen den Jahren 1969 und 2017 wird eine unglaublich dramatische Familiengeschichte um den Architekten Carl Albrich – deren Bruder sowie wiederum deren Kindern und Enkeln und späteren Lebenspartnern – entsponnen. Es geht um Missbrauch, Mord, Suizid und das große familiären Schweigen zu alledem. Alle wissen es, keiner sagt etwas.
All dies geschieht in einem gläsernen Ferienhaus, dass Carls Neffe für die Familie auf einem idyllischen Flecken Natur schuf, mit dem Wunsch nach familiärer Eintracht und Erholung. Das Haus wird jedoch noch vor der Fertigstellung zum locus delicit unaussprechlicher Dinge; und bleibt es bis zur Zerstörung des bereits nach einem ersten Brand rekonstruierten Neubaus.

Diese persönliche Mikroebene wird auf eine weltgeschichtliche Leinwand projiziert: Wohnungsbau der Nachkriegszeit, Aids-Krise, Wirtschaftskrise(n) und Flüchtlingskrise fassen das Drama ein. Nachdem das Werk bereits 2017 in Amsterdam Premiere feierte und zwischenzeitlich auch von anderen Häusern adaptiert wurde, findet sich der Stoff nun in einer österreichischen Übersetzung zwischen Schilling und Herrengasse.
Die Assoziationen zu einem Hamlet neuer Art fallen Besuchern des Ambleto am Theater an der Wien in der vergangenen Spielzeit umso leichter: denn es geistern nicht nur Väter durch Träume oder spuken Tote durch die Szenerie, auch das Bühnenbild – ein Haus im Stil der 70er-Jahre – dreht sich als Schauplatz auf einer Drehbühne (Bühne: Lizzie Clachan). Der Stoff hat es auch in sich. Nicht ganz auf der Höhe eines Shakespeare – dieser Vergleich wäre inhaltlich vermessen. Und dennoch gibt es auffallend viele vor allen Dingen dramatische Parallelen.

Andererseits stellt man während der knappen vier Stunden Aufführung auch fest, dass sich die Geschichte stellenweise auserzählt hat. Neue Perspektiven oder überraschende Wendungen kann Das Ferienhaus nicht bieten. An Dringlichkeit haben die besprochenen Themen keineswegs eingebüßt; das zeigten nicht zuletzt die Schlagzeilen zu den großen Missbrauchs- und Vergewaltigungsprozessen im vergangenen Jahr oder die Epstein-Files.
Im Gegensatz zu bisherigen Inszenierungen zu Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung oder Femizid, wird im hier – das ein Gewinn – das Unsagbare nicht theatralisch herausgeschrien oder -gebrüllt. Durchaus wird auf der Bühne geschrien, gekreischt und geweint. Doch alles authentischer und beinahe wie für ein dramatisches Fernsehepos gezähmt: das Schreckliche wird, nicht auf der Bühne aber fürs Publikum, im Stillen entlarvt.
Dazu trägt auch das hervorragende Ensemble bei. Zwar verwirrt der flexible Einsatz der Schauspielerinnen und Schauspieler in Doppelrollen – personell, wie chronologisch – oder simultane Selbstgespräche, doch auch hier die steile These: modernes Serienpublikum, das Werke wie die deutsche Mysterieserie Dark durchstieg, sah sich bereits mit ähnlich verflochtenen und undurchschaubaren Verwicklungen konfrontiert. Das gleiche gilt für das schnelle aufeinanderfolgende Ineinanderschieben unterschiedlicher Zeitabschnitte. Ein LED-Panel mit Jahreszahlen hilft.

Die große Stärke des Dargebotenen ist vor allem die Darstellung der Protagonisten über die Zeit hinweg. Herausgehoben werden muss die Figur des Carl Albrich als Dreh- und Angelpunkt der Widerwärtigkeit und des Bösen, der von Michael Maertens hervorragend in verschiedenen Stimmungen und Geisteszuständen gespielt wird. Serienreife Spielqualität, insbesondere im dramatischen Abschlussmonolog, bringen auch Caroline Peters (Katrin, Bürgermeisterin) und Franziska Hackl (Lena, Johanna) in die Szenerie. Steter Unruhepol, der das Drama vor allem im ersten Teil voranbringt ist Birgit Minichmayr (Caroline). Auch die Besetzung des jungen und des sterbenden Sebastian ist mit Tristan Witzel und Thiemo Strutzenberger sehr gelungen. Lediglich die Rollen der älteren Damen durch Elisabeth Augustin verkörpert bleiben etwas grau und matt. Insgesamt lässt das Ensemble den Stoff authentisch und greifbar werden und bereits so dem Epos das passende Medium.
So beklemmend und stellenweise erschreckend altbekannt der Stoff ist, kann sich ein langer Abend für dieses Schaupsiel durchaus lohnen. Sofern nicht andere Schrecknisse unserer aktuellen und leibhaftigen Welt das eigene moralische Aufnahmevermögen schon zu sehr in Anspruch nehmen.
DAS FERIENHAUS von Simon Stone nach Henrik Ibsen
Elisabeth Augustin | Franziska Hackl | Roland Koch | Michael Maertens | Fabia Matuschek | Birgit Minichmayr | Caroline Peters | Leonie Rabl | Thiemo Strutzenberger | Michael Wächter | Tristan Witzel
Regie: Simon Stone | Bühnenbild: Lizzie Clachan | Kostüme: Mel Page, Emma White | Musik: Stefan Gregory Licht: Bernd Purkrabek | Dramaturgie: Sarah Lorenz
Mehr Informationen unter Das Ferienhaus
Fotos: © Marcella Ruiz Cruz

