Flügelloser Schwan

Theater Nestroyhof Hamakom  /// 18. Mai 2022 /// SWAN SONG


Die Solo-Performance „Swan Song“ von und mit Buhle Ngaba, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die unter einer genetisch bedingten Krankheit leidet. Ihre Schulterblätter stehen dabei ab, wie zwei “Engels-Flügel” auf dem Rücken. Eine berührende, gespannte Körperarbeit mit poetischen Elementen und einer Mehrsprachigkeit über Freiheit, Emanzipation und die Vielseitigkeit von Anderssein.


Mit durchgehender Konsequenz führt die afrikanische Schauspielerin und Autorin Buhle Ngaba das Publikum durch einen gelungenen Text, der in seiner stimmigen Abfolge eine zeitlose Geschichte baut und durch diese Wahl eine spannende Harmonie erfährt. Bereits clowneske Gesten und ein bewusstes leichtes [ver]drehen der Augen bilden einen schmeichelnden, komödiantischen Eindruck auf die Zuschauer*innen beim Betreten in den Theatersaal. Eine junge Figur, die Andersartigkeit gekonnt einzusetzen und an sich zu schätzen weiß. 

In der Verkörperung eines schrulligen Schwans, sitzend auf einem Stuhl, paddelt sie in der Imagination eines Sees zu Beginn zwischen authentisch, frischen Wassergeräuschen und passender Bildprojektion im Hintergrund vorwärts und holt die Zuschauer*innen in den ersten feinen Moment tierischer, gebauter Körperarbeit ab. Die amüsierende Paddelei wird zu einer unbekannten Verfolgungsjagd. Ein plötzlicher Stoß in die Magengrube lässt sie ohnmächtig zu Boden sinken. Das Summen einer Eintagsfliege weckt sie. Sie war nur kurz ohnmächtig und nicht gleich tot. Sie rappelt sich auf, nimmt sich den Handspiegel, als eines der wenigen Requisiten auf der minimalistischen Bühne, begrüßt ihr Spiegelbild mit dem Vergleich der Schönheit einer Elizabeth Taylor und malt sich selbstbewusst ihre Lippen Rot. Nun erzählt sie zweisprachig zwischen Englisch und Setswana von Baderitualen der Frauen aus ihrer Heimat, die Nordwestprovinz Südafrikas, über die Beschämung und Ablehnung ihrer Körperlichkeit als Teenagerin, die ihr etwas „Abscheuliches“, Dämonenhaftes, anhefteten und dem Bildnis der Flügel nicht gleichten. Von der Reise in die große Stadt, für die Bildung an der Uni, zwischen dem Sonett von Shakespeare, dem Druck von gesellschaftlicher Anpassung und der Liebe zu Oliver. Dieser entdeckt eines Tages ihre Engelsflügel auf dem Rücken und schlägt ihr eine Operation vor, zu der sie einwilligt. Die Flügel werden gestutzt. Die Schultern liegen nun flach auf der Matratze ihres Bettes und sind nicht mehr zu sehen. Oliver verbringt viel Zeit an ihrer Seite, doch plötzlich verschwindet er und kommt nicht wieder.

„Was bleibt einem Schwan ohne Flügel? – Freiheit“

Den komplizierten Liebestanz des klassischen Schwanenpaars, die ein Leben lang beieinander bleiben verläuft in diesem letzten frei-bewegten „Schwanentanz“ anders. Dieser wird zur Befreiung und zur Entscheidung ihrer Identität. “Sie gelangt selbstständig, auch ohne Flügel nach oben”.

Es ist kein tragisch-romantisches Märchen über die Liebe oder die Verwandlung eines hässlichen Entleins in den weißen, makellosen Schwan. Vielmehr stecken wie bei Shakespeare universelle Themen, der Liebe, des Leides, von Verrat, Wut und Trauer darin. Buhle Ngaba entwickelt diese durch eine Mehrsprachigkeit und eine Poesie durch Körperarbeit. Sie weckt in uns ein kollektives Erbe des afrikanischen Raums, da sie bewusst zwei Formen von Sprachen einsetzt und damit eine Sensibilisierung der Andersartigkeit von Kulturen ausdrückt. Sie lässt uns erinnern, gibt ihr Wissen weiter und schafft einen Zugang zum [um]Denken von Sichtweisen, durch die Metaphorik ihres Schwanengesangs.


SWAN SONG. Buhle Ngaba

Im Rahmen von Wiener Festwochen 2022 / MITTEN

Mit Text und Performance: Buhle Ngaba I Regie und Klangbilder: Ilana Cilliers I Bühne: Ilana Cilliers, Amy Rush I Kunstwerke: Amy Rush I  Inspizienz: Merle Gideon  I Produktionsleitung: Nicolette J. Moses I Produktion: Maru Factory I Übertitel und Übersetzung: Teresa Linzner


Uraufführung April 2017, Suidoosterfees (Kapstadt)

Mehr Informationen hier: https://www.festwochen.at/swan-song

Foto: © Shaun Oelf

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