Kein Glaube in das AMS

TAG /// 7. Mai 2022 /// Glaube Liebe Hoffnung

Das TAG verwandelt mit starken, eindringlichen Bildern Horváths Drama zu einer Reality-Show.


Elisabeth ist arbeitslos und zudem strafrechtlich vorbelastet, als letzte Chance sieht sie den Verkauf ihres späteren Leichnams und das Glück in einer Beziehung zu finden, doch es gibt keinen Weg aus dem Strudel der Arbeitslosigkeit.

Das von Ödon von Horváth in der Zwischenkriegszeit verfasste Stück zeigt das Leid und die Demütigung von Arbeitslosen und die Abhängigkeit, in denen sich gerade Frauen begeben. Die Abbildung des erniedrigenden Systems wird in der Inszenierung am TAG noch dadurch verstärkt, dass Regisseur Georg Schmiedleitner die Handlung teilweise als Fernsehsendung abbildet, in der sich Elisabeth (Lisa Schrammel) von Runde zu Runde weiter kämpft und immer wieder laut im Mikrofon “Ich lass den Kopf nicht hängen” aufsagen muss. Die einzelnen Schikanen sind Levels in der Erlebnisshow, an dem sich das wohlsituierte Publikum ergötzen kann. Im Vergleich zu seinen anderen Adaptionen von Klassikern arbeitet das TAG hier mit dem gleichen Textmaterial wie Horváth und fügt nur wenige Szenen, wie jene im Fernsehsetting hinzu. Damit bleibt das Stück aber großteils in der Zwischenkriegszeit verhaftet, obwohl es so viele aktuelle Bezugspunkte gäbe.

Zu Beginn ist „Glaube Liebe Hoffnung“ durch die vielen, in keinem direkten Zusammenhang stehenden, Szenen verwirrend, erst mit dem Einsetzen des Handlungsstranges zwischen Elisabeth und ihrem Freund Alfons fällt es dem Publikum leichter, das Stück zu verorten. Diese Mischung aus Fernsehshow, losen Szenen und Handlung beschleunigt das Stück ungemein. Als Atempausen für das Publikum und die Schauspieler*innen singt Elisabeth Lieder. 

In Kabinen mit Vorhang wechseln die anderen Schauspieler*innen ihre Rollen. Michaela Kaspar brilliert vor allem als laszive, selbstgerechte, ehemalige Chefin von Elisabeth, Petra Strasser als vermeintlich hilfsbereite Frau Amtsgerichtsrat, Georg Schubert als zynischer Präparator. Alle Schauspieler*innen spielen an einem Punkt gleichzeitig Elisabeths Liebhaber Alfons, was ihre Abhängigkeit von ihm, durch seine plötzliche Omnipräsenz, weiter betont. Auch indem er sagt, “Ich schätze eine Frau höher, die von mir abhängt,“ wird Elisabeths Unterdrückung deutlich. Seine Gewalt an ihr wird nicht direkt dargestellt, ist aber dennoch schockierend. Nachdem sie bereits versucht hat, ihren Leichnam im Vorhinein zu verkaufen und sich Rettung in der Beziehung zu einem Polizisten erhofft, wird ihr Körper in zunehmender Verzweiflung immer mehr zur Schau gestellt, die Entblößung äußert sich als ein weiterer Kontrollverlust.

Die Überarbeitung von Horváths Stück durch Schmiedleitner produziert großartige Bilder, die die Misere bewegend abbilden. Etwa, wenn Arbeitslose mit Fratzenmasken stumm gemacht werden oder wenn Elisabeths Verzweiflung am Ende mit einem Rennen nach Wasser dargestellt wird.

Fazit: Ein grandios gespieltes und inszeniertes Stück, das unter die Haut geht, aber manchmal Längen und Verwirrung erzeugt, sowie mehr aktuelle Bezüge vertragen könnte.


Glaube Liebe Hoffnung
Von Ödön von Horváth und Lukas Kristl
Regie: Georg Schmiedleitner

Mit: Jens Claßen, Andreas Gaida, Michaela Kaspar, Lisa Schrammel, Georg Schubert, Petra Strasser |
Regie: Georg Schmiedleitner | Ausstattung: Stefan Brandtmayr | Musik: Matthias Jakisic | Dramaturgie: Tina Clausen | Licht: Katja Thürriegl | Maske: Beate Bayerl | Regieassistenz: Renate Vavera | Assistenz Musik: Alf Peherstorfer | Regiehospitanz: Martina Zweier | Ausstattungshospitanz: Felicitas Löschnauer | Kostüm- und Requisitenbetreuung: Daniela Zivic | Tontechnik: Peter Hirsch | Bühnentechnik: Hans Egger, Andreas Wiesbauer, Manuel Sandheim


Weiter Informationen hier: https://www.dastag.at/glaubeliebehoffnung

Fotos: © Anna Stöcher

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