Wo sind die Wutbürger_innen?

Volkstheater Wien /// 11. September 2019 /// Die Merowinger oder Die totale Familie

Franzobel bearbeitet Heimito von Doderer und die Uraufführung geht leiser von der Bühne als erwartet.


Auf der Bühne steht der letzte Merowingerkönig Childerich III., der in seiner chauvinistischen und größenwahnsinnigen Manier wie ein trotziges Kind wütet, von seinen Gewaltexzessen erfährt der_die Zuschauer_in aber nur in den Monologen und Dialogen anderer. Behandelt wird er von Professor Horn, der mit zweifelhaften Methoden versucht die Wut zu therapieren, im Vergleich zu den Schlägen im Buch aber fast zart zu Werke geht. Nur die viel verteilten Ohrfeigen ziehen sich durch die gesamte Aufführung. Der zitierte Wutbürger findet sich dann allerdings nicht ein.

“Wenn es gut ist Doderer, wenn es schlecht ist Franzobel.”

sagt letzterer noch vor der Premiere über den Text. Am Ende ist es schwer zu sagen, woran es hackt, aber so ganz fügen sich Doderer und Franzobel in diesem Stück nicht zusammen. Manch eine textliche Länge kommt wohl von beiden, die bereits umfangreiche Handlung wurde von Franzobel noch um einen weiteren Erzählstrang ergänzt. Die an Doderer angelehnte Figur des Schriftstellers beliefert das Publikum zwar mit einigen biografischen Schmankerln, insgesamt hält sich der Wiener Schmäh aber in Grenzen. Wunderschön allerdings die Textstellen, wo Childerich III. und Pippin in einem Word Rap aneinandergeraten, hier lacht der ganze Saal.

Auf Doderers frühe Nazi-Schwärmereien wird mit einer “Arbeit macht frei”-Aussage angespielt, die hier geschmacklos wirkt und einem_r Unwissenden deswegen auch nichts von Doderers NSDAP-Mitgliedschaft erzählt.

Fazit: Am Ende hat man keinen Doderer und keinen Franzobel gesehen. Ein Wutbürger findet sich dann aber doch noch. Ein Zuseher schreit nach der Aufführung etwas in den Saal, leider bleiben seine Worte unverstanden.

Ps.: Bernhard Dechant als Wänzrödl ist unglaublich!


Die Merowinger oder Die totale Familie

Uraufführung
nach dem Roman von Heimito von Doderer
in der Bearbeitung von Franzobel

Regie: Anna Badora, Bühne: Paul lerchbaumer, Michael Mayerhofer, Kostüme: Beatrice von Bomhard, Musik: Klaus von Heydenaber, Dramaturgie: Julie Paucker, Konzeptionelle Mitarbeit: Karl Bartta, Musikalische Leitung Blaskapelle: Thomas Schrammel, Sounddesign: Gábor Keresztes, Licht: Paul Grilj, Choreografie: Jasmin Avissar, Kampfchoreografie: Martin Woldan

Mit: Peter Fasching, Thomas Frank, Günter Franzmeier, Sebastian Pass, Julia Kreusch, Michael Abendroth, Bernhard Dechant, Katrin Grumeth, Lisa-Maria Sommerfeld, Renata Prokopiuk, Julian, Haunold, Daniel Kieslow, Christian Paul, Renata Prokopiuk, Jürgen Weisert, Marc Zobel


Fotos: ©lupispuma.

Mehr Informationen hier: http://www.volkstheater.at/stueck/die-merowinger-oder-die-totale-familie/

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