Würden Sie mich auf Tinder wegwischen?

TAG /// 11.Februar 2020 /// Reigen

Offene Beziehungen, Dating-Apps und Sexverträge. Das sind nur einige der Themen zu „Liebe und Sex im 21. Jahrhundert“, welches das TAG in seiner Interpretation von Schnitzlers “Reigen” auf amüsante Art präsentiert.


Wie üblich im TAG hat das Dargestellte – außer dem Thema und dem Titel – wenig mit dem Original zu tun. Unter der Regie von Dora Schneider werden mit dem Text von Thomas Richter Szenen der aktuellen Tendenzen im Liebesleben aufgezeigt: Da ist etwa das lesbische Paar, das nach Jahren einer On-/Off-Beziehung ihre Traumscheidungsparty veranstaltet, das Sexdate, welches seine Regeln zum Dirty Talking verhandelt und der Chef, der seine Angestellte um ihre Meinung zu seinem Tinder-Profilbild bittet.

Dabei zeichnet das TAG das Bild einer Gesellschaft, bei der es mehr um Schein als um Sein geht. Die vermeintlich große sexuelle Freiheit bedeutet doch wieder Einschränkungen, etwa wenn ein Paar sein Regelwerk für eine offene Beziehung fünf Minuten lang rezitiert. Subtil spricht Richter auch an, wie Sexualität bei Männern und Frauen verschieden gemessen wird. Thematisiert wird das zum Beispiel, als sich die Personalverrechnerin (Lisa Schrammel) darüber echauffiert, dass zum männlichen Geschlechtsteil “das beste Stück”, zum weiblichen jedoch “da unten” gesagt wird.

Die gesellschaftliche Kritik hätte jedoch auch größer ausfallen können, das Stück konzentriert sich auf eine Überzeichnung der Trends des 21.Jahrhunderts wie Tinder, Selbstliebe und Yoga. Immerhin kommen auch homosexuelle Paare vor.

Getragen von einem grandiosen Ensemble und einer detailverliebten Ausstattung, kippt die Darstellung der Personen nicht zu sehr ins Komödienhafte. Die liebevollen Kleinigkeiten sorgen dafür, dass die Charaktere mehr als nur Klischees sind, sondern sehr menschlich wirken. Das Drehbuch fällt nie ins Vulgäre, die Sprache bleibt respektvoll, ohne unauthentisch zu wirken.

Vor allem aber ist die Aufführung lustig, besonders in der ersten Hälfte sorgen Wortspiele, Zweideutigkeiten und Anspielungen sowie die neurotischen Charaktere für viel Unterhaltung. Leider konzentriert sich der Humor auf die erste Hälfte des Abends, zudem sind die Botschaften des zweiten Teils der Aufführung weniger leicht zugänglich.

Auch hätte das Stück mehr Tiefgang haben können, wenn es sich auf weniger Personen beschränkt hätte, die häufiger aufgetreten wären und sich weiterentwickelt hätten. Die vielen kurzen Szenen bleiben nicht so lange in Erinnerung wie ausführliche Geschichten.

Fazit: Unterhaltsamer, toll inszenierter und gespielter Abend, der in der zweiten Hälfte aber nachlässt und dem eine Fokussierung auf weniger Charaktere gut getan hätte.


REIGEN

Uraufführung, von Thomas Richter/Regie Dora Schneider, frei nach „Reigen“ von Arthur Schnitzler

Regie: Dora Schneider | Text: Thomas Richter | Ausstattung: Ilona Glöckel | Musik und Video: Thomas Richter | Dramaturgie: Tina Clausen | Regieassistenz: Renate Vavera | Ausstattungsassistenz: Sandra Moser | Kostümbetreuung: Daniela Zivic | Regiehospitanz:  Stefanie Elias | Maske: Beate Lentsch-Bayerl | Licht: Hans Egger, Katja Thürriegl | Ton und Videotechnik: Peter Hirsch | Bühnentechnik: Andreas Nehr | Mit: Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Petra Strasser, Georg Schubert

© ANNA STOECHER

Mehr Informationen hier: http://dastag.at/produktionen/reigen/

 

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