Theater an der Wien /// 23. Jänner 2026 /// Benamor
Genau genommen handelt es sich bei Benamor gar nicht um eine Operette, sondern um eine Zarzuela. Die spanische Version dieser leichten Musiktheaterform. Und das ist auch der Abend durch und durch: leicht und spanisch. Das gereicht der Inszenierung zum Vor- wie Nachteil.
Im Sultanat der Sultanmutter Pantea ist seit Alters her die Geburtsfolge streng und grausam reglementiert: Gleichermaßen gehören eine erstgeborene Tochter wie auch ein zweitgeborener Sohn getötet. Das Schicksal bürdet der Sultanin eine ebensolche Reihenfolge auf und, um ihren beiden Kindern das Leben zu schenken, werden im abgeschiedenen Palast die Tochter als Sultan und der Sohn als Schwesterchen großgezogen. Bis ins Jugendalter geht dieser Plan auf.

Aber eine Zarzuela wäre keine solche, kämen derartige Verwicklungen nicht in irgendeiner Weise ans Tageslicht oder gar ans Ende: Die Prinzessin Benamor – die kleine und vermeintliche Schwester des ebenso vermeintlichen Sultans – soll verheiratet werden. Der geheimgehaltene und für die Hauptprotagonisten unwissende Geschlechtertausch scheint aufzufliegen. Man ahnt hier und da schon etwas: der Sultan der sich nichts aus seinem betörend Harem macht und die Schwester die den Stickrahmen lieber zu Kleinholz schlägt, als sich der Handarbeit hinzugeben.
Um diese Situation zu lösen und auch die von Fern angereisten Brautwerber nicht zu vergrämen ist weltmännisches und politisches Feingefühl von Nöten. Nicht zur Lösung beitragen können eine senile Palastwache und ein von Zeit zu Zeit tauber Großwesir.
Es ist das erfolgreichste Werk des spanischen Komponisten und Theater- wie auch Orchesterleiters Pablo Luna mit einem Libretto von Antonio Paso Cano und Ricardo González del Toro. Der Orientalismus, die Freizügigkeit und spritzige Melodien trafen den Zeit- und Musikgeschmack des Publikums im Jahr 1923. Die Premiere von Benamor muss so umtosend bejubelt worden sein, dass die gesamte Vorstellung noch einmal wiederholt wurde und so der Abend bis in den frühen Morgen hinein fortdauerte.

Dass diese Anekdote wohl keine Übertreibung ist, glaubt man gern. Der Abend hat insbesondere im zweiten und dritten Akt – um dies vorweg zu nehmen – durchaus seine Längen. Dennoch ist eine ganz wunderbare operetteske Inszenierung unter Christof Loy entstanden.
Nichts was eine gute Operette, oder Zarzuela, ausmacht fehlt: Stoff einer vertrackten Verwicklung und romantischer Liebeleien, Musik die zumindest im Moment den Anschein eines Ohrwurms in sich trägt und Tanzeinlagen aller Art; zudem auch die obligatorischen Anzüglichkeiten und Späßchen.
Doch gerade an diesem letzten Punk stößt die Inszenierung auch an ihre Grenzen. Durchaus löblich ist es die Handlung im Original zu bringen. Operetten – Zarzuelas mitverstanden – leben aber von den Verwicklungen und diffizilen Witzen. Auch auf sprachlicher Ebene. Diese gehen im Gros unweigerlich am Publikum vorbei. Nicht, weil es Aufmerksamkeit fehlt. Ganz im Gegenteil klebt man gebannt an den Übertiteln, während sich das Ensemble alle Mühe gibt, spanischen Witz auch in Körpersprache zu dolmetschen.

Das gesamte Ensemble, das muss man lassen, ist, wie auch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, auf Zack. Hochqualitatives wird hier geboten. Wobei an vorderster Stelle Federico Fiorio in der Rolle des Darío hervorgehoben werden muss. Das Theater an der Wien warb schon mit dem einen oder anderen „Star-Countertenor“. Doch nur wenige reichten im Falsett an die Brillanz, Klarheit und Fülle dieses Sopranisten heran. So kann es diese Stimme mit der ebenso gesanglich durchdringenden und abgerundeten Partie der Benamor, gesungen von Marina Monzó, aufnehmen. Dritte im Bunde der begeisterten Hervorhebung ist die schneidige Dame Milagros Martín, welche die Sultanmutter gibt und der man ihre Erfahrung und auch ihr Können im Genre der Zarzuelas vom ersten Moment an glaubt.
Die restlichen Rollen – darunter Sofía Esparza (Nitetis), David Alegret (Abedul), David Oller (Juan de León) und Alejandro Baliñas Vieites (Rajajh-Tabla) – verteilen sich zufriedenstellend. Zuweilen wurde die ein oder andere Partie aber vom Orchester übertönt. Wenn jedoch der Chor einsetze fügte sich alles zu einem satten Klang; das Eis der Konzentration des Arnold Schoenberg Chors schien nur langsamen zu schmelzen.

Alles in allem ein sehr spanischer und sehr expressiver Abend. Auf der Bühne, wie im Graben. Dazu zählen auch die immer wieder eingeflochtenen klassischen und modernen Choreographien (Javier Pérez), die am Abend für Kurzweil sorgten. Die Szenerie ist so üppig besetzt und klassisch durchkostümiert (Barbara Drosihn), dass sich alles stimmig in das eher minimalistische Bühnenbild (Herbert Murauer) fügt.
Fast könnte man sagen: so kann und muss Operette heute! Wäre eben nicht die ausgewalzte Handlung im zweiten und dritten Akt und die umso schmälere Teilnahmemöglichkeit an der einen oder anderen humoresken Sprachverdrehung, die man im Übertitel und der dramatischen Komik versteckt nur erahnen kann.
BENAMOR Opereta in drei Akten von Paoblo Luna mit einem Libretto von Antonio Paso und Ricardo González del Toro
José Miguel Pérez-Sierra | Christof Loy | Herbert Murauer | Barbara Drosihn | Fabrice Kebour | Javier Pérez | Kai Weßler | Marina Monzó | Federico Fiorio | Sofía Esparza | Milagros Martín | David Alegret | David Oller | Alejandro Baliñas Vieites | César Arrieta | Francisco J. Sánchez | Joselu López | Nuria Pérez | Margarida Abreu | Gorka Culebras | Laura García Aguilera | Joni Österlund | Carla Pérez Mora | Bernardo Ribeiro | Alberto Terribile | Chiara Viscido
Musikalische Leitung: José Miguel Pérez-Sierra | Inszenierung: Christof Loy | Bühne: Herbert Murauer | Kostüm: Barbara Drosihn | Licht: Fabrice Kebour | Choreografie: Javier Pérez | Dramaturgie: Kai Weßler
ORF Radio-Symphonieorchester Wien | Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner)
Mehr Informationen unter Benamor
Fotos: © Monika Rittershaus

