„Ordnungspolitik im Schlafzimmer“

Werk X  /// 07. April 2022 /// Uraufführung Weiberrat


Das Theaterprojekt von Nina Gühlstorff und Ensemble verwendet die Bühne für die Erinnerungsarbeit der Frauenbewegung, mischt Grammatikunterricht, Reenactment und Aktionismus mit Ton, Sand und Wasser zusammen, betoniert damit die strukturellen Ungleichheiten ein und baut sich neue Säulen. Nicht für eine Weibliche, sondern eine menschlichen Zukunft.


Generationsübergreifend hat sich im Werk X der sechsköpfige „Weiberrat“ zusammengefunden, um über die nächsten Maßnahmen in der Frauenpolitik zu tagen. In einem regen Wechselspiel veräußern die drei Frauen der AUF (Aktion unabhängiger Frauen) (Dagmar Klopf, Eva Laber, Nadia Trallori), die Geschichtsschreibung der 1970er Jahre und ihre persönlichen Erfahrungen mit einer Gruppe von Aktivist*innen (Julia Jelinek, Lara Sienczak, Nicola Schössler) der neuen Generation. Sie schauen gemeinsam in einzelnen Sprach-und Gedankenspielen auf Niederlagen und Erfolge der Frauenbewegung und im interaktiven Austausch mit einem erregten Publikum werden Abstimmungen durchgeführt, um konkrete Gegenentwürfe patriarchaler Strukturen zu entwerfen.

Mütter und Töchter 

Wie war das damals in der zweiten Frauenbewegung mit den Schönheitsidealen, sexistischer Körperpolitik, offenen Beziehungen, Abtreibung und Selbstbestimmung? Mit Rückhalt von Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer beginnt die Geschichtsstunde. 40 Jahre später gibt es eine vierte Welle, eine Entwicklung in der Frauenpolitik hat längst stattgefunden: Es gibt die Begriffe Femizid, Gendern, MeToo, neue Körperpolitiken. Dass Feminismus ein offenes Konzept, voller Vielfalt und Pluralität ist, ist auch längst klar, aber die patriarchale Strukturen gibt’s immer noch. „Mama, ich dachte ihr hättet das schon erledigt mit der Emanzipation“ bemerkt die Darstellerin Nicola Schössler. Der Begriff Emanzipation ist zwar gesellschaftlich etabliert, aber die neue Generation muss sich immer noch mit ökonomischer Unterdrückung und Verteilungskämpfen auseinandersetzen. Gegen den Paragraph 144 und für die Legalisierung der Abtreibungen in Österreich wurde damals schon mit Johanna Dohnal gekämpft. Heute hat Polen noch eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas, wie mithilfe von Text-Projektionen eingeblendet wird.

Es leben rund 4 Mio. Frauen in Österreich, die Wirtschaft muss sich ändern. Die Gruppe der Aktivist*innen gibt nicht auf. In der Runde wird sich bewegt, gefragt, Fakten präsentiert und diskutiert. Es brauche Ressourcenverteilung mit Blick auf die Frauenquote, soziale Freiheiten, Umverteilung von Care-Arbeit, keine sexistische Körperpolitik, sondern Selbstständigkeit und reproduktive Freiheit, werfen sie sich zu. Eltern-Pass, statt Mutter-Kind-Pass. Das Licht im Zuschauerraum geht wieder an, es gibt keine vierte Wand. Alle sind involviert und alle dürfen mit Abstimmen.

Patriarchale Mülltonne 

So führt die Darstellerin Julia Jelinek eine Grammatikstunde ein, die Wirkung zeigt:  Immerhin wissen mittlerweile die meisten, dass es in Pandemie-Zeiten „PCR-Test“ heißt, der nicht mit anderen Abkürzungen verwechselt wird. So wird eine geschlechtergerechte Sprache wohl auch kein Problem mehr sein. Als Reenactment kommen am Ende die Hexen aus dem 15. Jahrhundert und tanzen performativ um den Betonmischer-Kessel und werfen alle Begriffe und Gegenstände des Patriachats hinein von denen man sich befreien kann: BHs, Stöckelschuhe, Sexismus, Genderpaygap, Genitalverstümmelung, Gebärmaschine, Sigmund Freud, unbezahlte Hausarbeit, alleinige Verantwortung der Kinderbetreuung. Der Effekt geht nur mit ein bisschen Humor. Es ist doll, aber anders scheint es nicht zu gehen. 

Wenn eine theatral-performative Darstellung in die Außenwelt geführt wird, indem diese die Attribute diskursiven Feminismus auf die männlich standardisierte Stimme transportieren, dann kann sich Gesellschaft ein Stück verändern. Ein erregendes Stück, mit einem Ensemble voller Energie, in dem irrsinnig viel geredet wird und im Anschluss die Besucher*innen im Foyer schon fleißig reflektieren – Wie war das eigentlich bei uns damals? 


Mit Julia Jelinek, Lara Sienczak, CHRA, Dagmar Klopf, Eva Laber, Nadia Trallori, Nicola Schössler I Inszenierung: Nina Gühlstorff I Bühne und Kostüm: Prisca Baumann I Musik: CHRA I Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf I Regieassistenz: Linda Fress I Bühnen- und Kostümassistenz: Monika Kovacevic


Uraufführung WEIBERRAT. Eine Machtergreifung.

Ein Projekt von Nina Gühlstorff/AKA:NYX

Weitere Termine: 11. April /// 19. Mai /// 20. Mai ///  jeweils 19.30 Uhr 

Mehr Informationen: https://werk-x.at/premieren/weiberrat/

Foto: © Alexander Gotter

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