Black-Facing und Weiße Privilegien

Auf Edition Burgtheater sind seit April „legendäre Inszenierungen, die das Bild dieses Hauses prägten und veränderten, zu Klassikern wurden und ästhetische Haltbarkeit bewiesen“ streambar. Am Montag, 11.05., war in diesem Format „Othello“ in einer Inszenierung von George Tabori (1990), die sich des Black-Facings bedient, zu sehen.

In diesem Beitrag versuchen wir aufzuschlüsseln, inwiefern das Angebot der „Othello“ Inszenierung als Stream Bilder von Ungleichheit, Machtgefälle und Rassismus transportiert.


Wie positioniert sich Neue Wiener Theaterkritik?

Wie soll sich ein Weißes Redaktionsteam gegen diesen Vorfall positionieren, ohne selbst rassistisch zu agieren? Eigentlich unmöglich. Doch stumm zu bleiben und diese Praktik dadurch zu legitimieren, ist keine Lösung. Daher sind wir mit Expert*innen zum Thema struktureller Diskriminierung von Schwarzen Menschen, insbesondere im Theaterbereich, sowie zur Praktik des Black-Facings in Kontakt und teilen diese diversen Perspektiven in den kommenden Wochen im Rahmen eines Schwerpunktformats mit euch.

Bis dahin wollen wir jedoch nicht untätig abwarten, es ist zu wichtig, sich zeitnah klar gegen Black-Facing zu positionieren. Daher verfassen wir trotz unserer Weißen Perspektive diesen Text. Wir hoffen dabei nicht als White Saviors aufzutreten, sondern als Menschen, die sich aktiv für ihre politischen Einstellungen einsetzen.

Weiß-Sein. Häh? Was sind Weiße Privilegien?

In diesem Kontext bezieht sich Weiß nicht allein auf eine Hautfarbe, sondern vielmehr auf die entsprechende gesellschaftlich-konstruierte Kategorie. Um diesen begrifflichen Unterschied zu kennzeichnen, nutzen wir in diesem Text die Großschreibung von Schwarz beziehungsweise Weiß.

Weiße Privilegien sind jene, die man* aufgrund der Zugehörigkeit zu dieser gesellschaftlichen Gruppe genießt. Sie sind nicht zwingend Teil jeder Gesellschaft, doch in unserer Weiß dominierten Realität allgegenwärtig. Schwarze Menschen wurden über Jahrhunderte systematisch diskriminiert, Strukturen, die bis in die Gegenwart nachwirken. Doch unser Zusammenleben ist nicht nur von Vergangenheit bestimmt, Diskriminierung findet heute nach wie vor aktiv statt.

Weiß-Sein wird immer noch als Normalität wahrgenommen. Es wird nicht automatisch als fremd betrachtet, es ist das Standardisierte, das Unmarkierte – der allgemeingültige Blick. Weiße Menschen sind mit einer Fülle an Privilegien geboren und aufgewachsen. Diese werden meist als dermaßen selbstverständlich empfunden, dass nicht mal ein Bewusstsein für ihre Existenz besteht.

Warum kann es problematisch sein, sich aus unreflektierter Weißer Perspektive zu Rassismus zu äußern? Wie kann man* sich als Weißer Mensch trotzdem engagieren?

Vermeintliche Helfer*innen stellen sich leider nicht selten als White Saviors heraus – ein Weißer Mensch inszeniert sich selbst als Retter*in, die*der Schwarze Menschen aus ihrer unterdrückten Position befreien möchte. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass Weiße Menschen vom bestehenden System der Unterdrückung profitieren und für dessen Existenz und Fortbestand zumindest Mitverantwortung tragen.

Zudem wird durch dieses Verhalten Schwarzen Menschen die Fähigkeit abgesprochen, sich selbst zu „retten“ und so eine passive Opferrolle zugeschrieben. Bei White Saviors ist nicht Solidarität die Handlungsmotivation, sondern Eigennutz, Profilierung und Pseudo-Selbstreflexion.

Aus der privilegierten Weißen Perspektive ist es unmöglich, Erfahrungen von Diskriminierung, Rassismus, struktureller Benachteiligung und Ungleichheit, welchen Schwarze Menschen ausgesetzt sind, nachzuempfinden. Man* kann daher nie für People of Color sprechen, ohne ihnen dadurch ihre Stimme zu nehmen und dabei aus der eigenen Weißen Perspektive selbst rassistisch zu handeln.

Solidarität bedeutet nicht für jemanden zu kämpfen, sich also dadurch zwangsläufig über eine Gruppe zu stellen und sich anzumaßen, deren Erfahrungen und Anliegen nachvollziehen sowie angemessen formulieren zu können. Vielmehr geht es darum, gemeinsam mit Menschen für ihre selbst artikulierten Forderungen einzutreten, sich dabei jedoch stets der eigenen privilegierten Position bewusst zu bleiben.

Als Profitierende*r der bestehenden Strukturen genießt man* den Luxus, sich für den Kampf gegen ausgewählte Umstände aktiv entscheiden zu können. Wenn es unangenehm werden sollte, ist der Rückzug, das Ausruhen auf den eigenen Privilegien, jederzeit möglich. Diskriminierten steht diese Wahlmöglichkeit nicht zur Verfügung, strukturelle Benachteiligung wirkt in jedem Aspekt ihres Lebens.

Was ist Black-Facing und warum ist es so wichtig, sich klar gegen diese Praktik zu positionieren?

Black-Facing ist direkt auf amerikanische Minstrel-Shows zurückzuführen. Minstrel-Shows entstanden als populäres Unterhaltungsformat in den 1830ern in New York: Es handelte sich um abendfüllende Show-Programme, in welchen sich Weiße Performer*innen musikalische, tänzerische und sprachliche Elemente der Schwarzen Kultur aneigneten und diese stark stereotypisiert vor einem Weißen Publikum zu dessen Belustigung vorführten.

Minstrel-Shows zielten auf eine stark überzeichnete, lächerliche Darstellung von Schwarzen Menschen ab. Sie wurden als permanent fröhliche, naive und sich unbeholfen bewegende Sklav*innen, die ihre Besitzer*innen trotz harter Alltagsrealität und Arbeitspensum lieben und treu dienen, gezeigt. Minstrel Shows trugen durch die stark verzerrte Darstellung der Lebensrealitäten von versklavten Menschen maßgeblich zur Festigung und Verbreitung des Stereotyps der Schwarzen Person bei und ebneten so den Weg für die Einführung und Legitimierung der Segregation in den USA.

Was verbindet die Theater-Praktik Black-Facing mit den rassistischen Minstrel Shows aus den USA?

Das Bild einer*s Weißen Schauspieler*in, die*der schwarz angemalt ist, bettet sich in einen historischen Kontext von strukturellen und systematischen Rassismus. Dadurch werden unreflektiert Ungleichheit, Machtgefälle und Rassismus transportiert und reproduziert.

Wie steht es um die Black-Facing Debatte? Wo kann ich mehr zu diesen Themen erfahren?

Sucht man* auf Google nach Black-Facing, wird schnell klar: Es gibt bereits zahlreiche Beiträge in diversen Medien, die auf die Problematik der Praktik hinweisen – die Debatte ist allgegenwärtig und aktuell. Trotzdem ist der rassistische Kontext von Black-Facing noch immer nicht im kollektiven Bewusstsein angelangt.

Zur Thematik gibt es unzählige treffende Artikel und Publikationen. Wir beschränken uns an dieser Stelle auf drei Empfehlungen, freuen uns aber sehr über eure Lektüretipps in den Kommentaren.

Freudig können wir euch zudem das erste Interview unseres Themenschwerpunkts ankündigen: Theaterwissenschaftlerin Azadeh Sharifi, Autorin des ersten Lektüretipps, wird auf unsere Fragen antworten.

Blackfacing, Kunstfreiheit und die Partizipation von Postmigrant_innen an den Stadttheatern – Azadeh Sharifi

Der Artikel von Azadeh Sharifi skizziert die Black-Facing Debatte und wie diese in einem verzerrten Diskurs über Kunstfreiheit mündet. Die Autorin stellt sich zudem die Frage: Wo sind die Schwarzen Stimmen in der Theaterkritik? Besonders spannend ist die hier vorgestellte Idee des “postmigrantischen” Theaters, welche neue Impulse zu diversen und enthierarchisierten Theaterstrukturen liefert.

Die Normalität entnormalisieren – Interview mit Lann Hornscheidt

Im von Vina Yun geführten Interview mit Lann Hornscheidt wird die Problematik von (unreflektierten) Weißen Privilegien ausführlich besprochen. Hornscheidt betont dabei nicht nur ihre eigenes Weiß-Sein sondern auch die Wichtigkeit von Sprache und Begriffen. Zudem führt sie aus, wie man* Weiße Privilegien nutzen kann, um sich für eine gleichberechtigte Gesellschaft einzusetzen.

Deutschland Schwarz Weiß – Noah Sow

Noah Sow spricht in ihrem Buch mit viel Ironie und verständlichem Vokabular über Alltagsrassismus und unaufgearbeitete Kolonialgeschichte. Dabei wendet sie sich explizit an eine Weiße Leserschaft. In der “Nachhilfe für Weiße” finden sich zahlreiche Anregungen, wie eine Weiße Gesellschaft ihre festgefahrenen Denkmuster aufbrechen und unmarkierte Weiße Privilegien kritisch hinterfragen kann.


Text: Katrin Brehm und Sebastian Klinser

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