Bis keiner mehr bleibt, der die Wahrheit kennt

Wiener Festwochen /// 20. Mai 2019 /// Proces

Krystian Lupa inszeniert Kafka und holt dabei weit aus. Eine Herausforderung für das Publikum, den vielen Deutungsmöglichkeiten des Regisseurs zu folgen, der die vielen Türen, die er öffnet, nicht schließt.


Das Stück setzt nach der Verhaftung Josef K.s ein, dem Hauptprotagonisten aus Franz Kafkas Roman Der Prozess. Josef K. versucht, seiner Vermieterin die unbekannte Bedrohung zu beschreiben, die sich mit der Anklage über ihn senkt, findet aber nur schwer die Worte. Er wehrt sich mit allen Instrumenten des menschlichen Repertoires: Humor, Wut, Vernunft, am Ende verfällt er in Apathie, der Anklage ist nicht zu entkommen.

Die Körper der Schauspieler_innen werden dabei von Lupa nicht geschont. Die Verletzlichkeit der Männer wird in eine einfache Geste, den eigenen Penis zu schützen, transportiert. Auf Frauen wird zugegriffen, wie sie auch selbst zugreifen, in ihrer Wahl scheinbar wahllos. Auch der Geschlechtsverkehr auf der Bühne fehlt nicht. Die mehr wie eine Vergewaltigung erscheinende Szene bebildert ein Gericht, wo Recht das ist, was ihre Richter daraus machen.

Die Inszenierung greift tief in die Spielzeugkiste. Videokamera, Videoeinspielungen und Animationen werden bemüht, um uns immer tiefer in die kafkaeske Welt zu entführen. Mit den Livestreams stellt der Regisseur eine Nähe zu den Schauspieler_innen her, die sie zeitlich auch wieder von uns distanziert. Alles auf der Leinwand gezeigte badet in einem Gefühl von Vergangenem. Irgendwann verschwimmen die Grenzen zwischen dem Romanfragment und der Biografie Kafkas. Der Darsteller von Josef K. wird zu Franz Kafka selbst, die Figuren, die mit ihm auf der Bühne stehen, werden zu Felice Bauer, Max Brod und Grete Bloch. Zusammen schreiben sie einen Brief an die Menschheit:

Hört auf, euch gegenseitig zu töten.“

Das Stück will uns warnen, uns aufmerksam machen auf die schleichenden Prozesse der Entdemokratisierung. Die vielen Worte, die nichts sagen, zermürben am Ende allerdings nicht nur den Angeklagten, sondern auch das Publikum. Ausgeliefert stehen die Zuseher_innen dieser Textgewalt gegenüber, das Stück ist nicht inszeniert, um restlos verstanden zu werden.

Kann hier überhaupt ein Fazit gezogen werden? Proces von Lupa ist eine Textschlacht, die sich Kafka auf eine vollkommen neue Weise nähert. Manche Textstellen fügen sich dabei wunderschön in die Szenen ein, andere wiederholen sich dabei scheinbar endlos, was bei den Zuseher_innen längst angekommen ist. Der Schrecken, einem Rechtssystem machtlos gegenüberzustehen, verliert sich mit den langen Ausführungen der Darsteller_innen. Wer in die Grundstimmung von Kafkas Werk eintauchen möchte, dem ist dieses Stück sehr zu empfehlen, angenehm ist es allerdings nicht.


PROCES

Regie, Adaptation, Bühne, Licht: Krystian Lupa Kostüm: Piotr Skiba Musik: Bogumił Misala Video, Mitarbeit: Licht Bartosz Nalazek Animationen: Kamil Polak Maske Monika Kaleta Mit: Marcin Pempuś (Franz K.), Andrzej Kłak (Franz K.), Bożena Baranowska (Frau Grubach), Anna Ilczuk (Fräulein Bürstner), Michał Opaliński (Untersuchungsrichter), Wojciech Ziemiański (Gerichtsdiener), Ewa Skibińska (Rosa, Frau des Gerichtsdieners), Maciej Charyton (Jurastudent, Wächter 2), Adam Szczyszczaj (Max Brod, Kanzleidirektor), Małgorzata Gorol (Grete Bloch, Mädchen in der Kanzlei), Marta Zięba (Felice Bauer), Halina Rasiakówna (Tante Albertine), Piotr Skiba (Advokat), Ewelina Żak (Leni), Dariusz Maj (Blockbaum, Mann in der Kanzlei), Mikołaj Jodliński (Maler, Wächter 1), Andrzej Szeremeta (Gefängniskaplan, Inspektor) Glossen:Krystian Lupa, Andrzej Kłak, Marta Zięba, Marcin Pempuś, Adam Szczyszczaj, Małgorzata Gorol, Radosław Stępień Mitarbeit Dramaturgie,Regieassistenz:Radosław Stępień, Konrad Hetel Videoassistenz,Kamera:Natan Berkowicz Kostümassistenz: Aleksandra Harasimowicz Pornographische Illustration,Richterporträt: Andrzej Kłak Titorellis Heidelandschaft: Ninel Kameraz-Kos Inspizienz,Kamera: Sylwia Merk Technische Koordination: Bartosz Braun Übersetzung auf Englisch: Dominika Gajewska, Artur Zapałowski Deutsche Adaptation und Übersetzung der Übertitel: Dorota Krzywicka-Kaindel Übertitel: Adrianna Książek Lichttechnik: Karol Białek Tontechnik: Piotr Żyła, Radosław Symon Videotechnik: Andrzej Lawdański Requisite:Mateusz Andracki Maske:Monika Kaleta, Joanna Tomaszycka Ankleide: Iryna Kacharava, Varvara Kacharava Technik: Robert Tomala, Jakub Płónski


Fotos: © Magda Hückel.

Mehr Informationen hier: https://www.festwochen.at/programm/produktionen/detail/proces/

X

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen