Am Land ist doch alles gut, oder?

Theater Nestroyhof/Hamakom /// 28. März 2019 /// TOM À LA FERME

Das Land lässt die Worte nicht zu, einem jungen Mann fehlt die Sprache, für sich selbst und die anderen, was bleibt ist Gewalt. Ein Erinnerungsstück, wohin wir gehen, wenn wir aus Angst vor Verletzung schweigen.

 


 

Eine nächtliche Autofahrt auf der Leinwand führt uns in das Stück und erinnert dabei unheilvoll an David Lynch. Immer weiter fährt das Auto eine Straße entlang, im Hintergrund erklingt ein Kinderlied gesungen von Eva Jantschitsch, „Dies’ Kind soll unverletzt sein“ klingt noch nach, als Tom die Bühne und damit den Hof betritt, um am Begräbnis seines Partners teilzunehmen. Der Hof, auf dem seine große Liebe aufgewachsen, der Hof, auf dem niemand weiß, wer Tom eigentlich ist.

„Gut, dass du gekommen bist, Tom“ sagt Agathe, die Mutter des Verstorbenen, und zieht ihn hinein in ihr Leben, froh über den Besuch, über jemanden, der beim Begräbnis ihres Sohnes sprechen kann, der die Worte finden soll für den Sohn, der ihr fremd geworden ist. Das Tom der Partner ihres homosexuellen Sohnes war, weiß sie nicht.

 

 

Sie sitzen zusammen an einem Tisch mit vier Stühlen, im Hintergrund verdeckt eine große Plane einen Haufen, der später ein Maisfeld sowie einen Kuhstall darstellen wird. Das Bühnenbild ist karg und dabei vollkommen ausreichend, die kurzen Videoeinspielungen erzählen weiter, wo die Figuren kurz schweigen. Der Regisseur Matthias Köhler überlässt den Raum ganz seinen Schauspieler_innen, jede Requisite ist exakt eingesetzt, kein Zuviel lenkt ab von dieser Tragödie, in die sich alle gemeinsam ziehen.  

Das Bühnenbeleuchtung färbt die Schauspieler_innen rot, als der Bruder des Toten, Francis, auf Tom trifft. „Muss ich das wiederholen?“ fragt er und hält Tom den Mund zu, nimmt ihm die Luft, während er die Lügen vorgibt, die Tom gegenüber der Mutter erzählen soll. Philipp Plessmann spielt den Francis in seinem Widerspruch von Brutalität und Verletzlichkeit in einem ungeheuren Balanceakt, der ihm bis zum Ende gelingt.

 

 

Tom wird eindringlich von Nicolas Streit dargestellt, der seine Figur, in ihrer Begierde zu gefallen, immer weiter in eine Hysterie der Abhängigkeit drängt, wenn seine, dem Publikum vorgetragenen, Gedanken nicht noch eine andere Geschichte erzählen würden. Eine von Verletzung, Wut und Lügen, die am Ende alle ans Tageslicht kommen. Und Sehnsucht. Erst mit dem Erscheinen von Ellen, der angeblichen Freundin des Toten, werden es der Fragen zu viele. Die vielen Unstimmigkeiten zwingen Agathe dazu, sich mit ihrem toten und mit ihrem lebenden Sohn auseinanderzusetzen, mit den Worten, die schon so lange bereit liegen.

 

Das Land wird hier als eine Gesellschaftsordnung dargestellt, die ihre Struktur verteidigt, die ihren Söhnen und Töchtern nie beigebracht hat, alles sein zu können. Das Land verteidigt sich gegen außen und schlägt in seiner Angst wild um sich, bis niemand mehr da ist.

 


 

TOM À LA FERME

von Michel Marc Bouchard / Deutsch von Frank Heibert

Mit Johanna Berger, Philipp Plessmann, Martina Spitzer, Nicolas Streit

Regie: Matthias Köhler, Musik: Eva Jantschitsch, Bühne und Video: Elke Auer, Kostüme: Madeleine Nostitz, Dramaturgie: Anna Laner, Produktion: Miriam Lesch, Regieassistentin: Christina Lindauer, Veranstaltungstechnik: Edgar Aichinger, Sebastian Seidl, Aufführungsrechte: Rowohlt Verlag

 

Österreichische Erstaufführung

 

Fotos: © Marcella Ruiz Cruz.

Mehr Informationen hier: https://www.hamakom.at/tom-a-la-ferme

 

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