Scheiß auf Goethe!

das TAG /// Iphigenie /// 3.Dezember 2022

Angelika Messner bricht am TAG mit Goethes Bild des armen Opfers Iphigenie und gestaltet das Stück zu einem Appell zur (weiblichen) Emanzipation.


Während in Goethes Dramatisierung des klassischen Mythos Iphigenie nach ihrer Rettung vor der Opferung als Priesterin auf Tauris dient, wird sie in der Neubearbeitung von ihrem Vater ohne das Wissen der restlichen Familie als Sexarbeiterin verkauft, da das Geld für den neugeborenen Sohn Orest fehlt. Mit den Jahren wird Iphigenie (Michaela Kaspar) zu einer Respektsperson im Rotlichtviertel. Die anderen “Mädchen” (Lisa Schrammel) wenden sich an sie für Schutz und der “Boss” Thoas (Jens Claßen) will sie heiraten. Da sie seinen Antrag zunächst ausschlägt, bereitet er ihr ein unmoralisches Angebot: Er schenkt ihr nur dann die Freiheit, wenn sie zwei Männer aus ihrer Heimatstadt, die als Flüchtende aufgegriffen wurden, tötet.

Es dauert etwas, bis das Publikum die bekannte Figur der Iphigenie in der Überarbeitung am TAG und dem zeitgemäßen Kontext verorten kann, aber spätestens beim Auftauchen ihres Bruders Orest (Emanuel Fellner), der aufrund seiner Homosexualität mit seinem Partner (Andreas Gaida) fliehen musste, wird klar, dass die Regisseruin Angelika Messner das klassische Iphigenie-Drama mit neuen Motiven füllt: Ein großes Thema ist der Konflikt zwischen Individualismus und Solidarität, aber auch Schlagworte wie “Menschlichkeit”, “Dankbarkeit” und “Heimatgefühl” sind präsent, hätten aber in dem nur 70 Minuten langen Abend durchaus umfassender abgehandelt werden können. Vor allem aber geht es in dieser Inszenierung um die Selbstermächtigung einer Frau, die mit der Fremdbestimmung von unterschiedlichen Seiten bricht: “Ich gebe mich frei.” 

Die antike Vorlage ist in der Ausstattung von Heike Werner präsent: Vergilbte Fresken, zerstörte Säulen und Asche geben ein Bild des Verfalls wieder. Gleich zu Beginn reflektiert Iphigenie ihren Status als Opfer und ersetzt ihr weißes Kleid der Unschuld mit einem aus Leder. Auch die Worte Goethes passen ihr nicht, der Text von Angelika Messner folgt zwar seinem Versmaß, besticht aber mit Wortspielen, modernen Anspielungen und Poesie. Die vierte Wand wird bisweilen symbolisch aufgebrochen, vor allem um die traditionelle Interpretation der Iphigenie zu kritisieren. 

Ein Fest für die Ohren ist auch die musikalische Untermalung durch das Tubaspiel von Jon Sass. Nicht nur beeindruckt er mit Kostproben der Geräusche, die dieses Instrument erzeugen kann – etwa Züge! –  er verstärkt auch Stimmungen und Textzitate. 

Fazit: Eine intelligente Modernisierung mit klarer Botschaft, die auch akustisch und visuell zusammen passt und zudem mit überzeugendem Schauspiel und grandiosem Textmaterial überzeugt.


IPHIGENIE
Von Angelika Messner
Frei nach „Iphigenie auf Tauris“ von J.W. von Goethe

Text: Angelika Messner | Regie: Angelika Messner | Ausstattung: Heike Werner | Musik: Jon Sass | Electronic Sounds: Wolfgang Schlögl | Dramaturgie: Tina Clausen | Licht: Katja Thürriegl | Maske: Beate Bayerl | Regieassistenz: Renate Vavera | Kostüm- und Requisitenbetreuung: Daniela Zivic | Tontechnik: Peter Hirsch | Dekorationsbau: Hans Egger, Andreas Wiesbauer, Manuel Sandheim, Hanno Maria Frangenberg | Mit : Jens Claßen, Emanuel Fellmer, Andreas Gaida, Michaela Kaspar, Jon Sass, Lisa Schrammel, Georg Schubert


Fotos: © Anna Stöcher
Mehr Informationen hier: https://www.dastag.at/iphigenie
Nächste Vorstellungen: Samstag 17. Dezember, Dienstag 17. Jänner, Mittwoch 18. Jänner, Donnerstag 16. Februar, Freitag 17. Februar, Samstag 18. Februar


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