Kritik vom 25.11.2025
Theater: Theater Drachengasse
Gesang, Klavier: Lenya Gramß
Arrangement, Klavier, Trompete, Gesang: Johannes Deckenbach
Bass, Schlagzeug, Gesang: Nils Hausotte
Gitarre, Gesang: Eren Kavukoğlu
Fangen wir diese Kritik mit einem arroganten Schwung an und lassen Sie mich, liebe Leser*innen, mit einem Adorno-Zitat einsteigen: „Kein Zufall, daß die Literatur der vierhändigen ‚Originalkompositionen‘ sich auf jenen Zeitraum beschränkt. Ihr wahrer Meister ist Schubert“1. Franz, Franz Schubert. Von ihm wird’s in jeder Ecke geschwärmt: Es schwärmt Adorno, es schwärmt Jelinek und es schwärmt die ganze Stadt. Tourist*innen fahren eigentlich nicht nach Wien, sondern in die Schubert-Stadt. Man*frau kann sich wundern, dass „[d]ieses rätselhafte, verlockende, kleine [wortwörtlich gemeint; der Mann war 1,6m groß!] Schulmeisterkind aus Wien“2 über die Stadt so einen Riesenschatten werfen würde.
Ein weiteres Wunder: Er ist mit seinem Tod keineswegs verschwunden; noch immer hängt sein Gespenst – wie das der Sisi – in der Luft und ruft sich unablässig in Erinnerung. Seine Werke hatten einen holprigen Weg durchzumachen: 1916 wird Schubert brutal auf Wiener Bühnen verkitscht, nur um danach vom Regen in die Traufe zu kommen: Nationalsozialist*innen verleiben ihn sich ein und tragen ihn in ihre Blut-und-Boden-Kulturheftchen ein. Jetzt nimmt ihn die Bühne im Theater Drachengasse auf – was wollen Max-Reinhardt-Seminar-Absolvent*innen denn wieder von ihm? Dieses Mal packt ihn ein Unterhaltungsprogrammmoderator (Eren Kavukoğlu) vom ORF3 – ‚dem besten Kultursender Österreichs‘ –, und veranstaltet mit seinen Bandmitgliedern ein beeindruckendes Varieté – einen grandiosen Liederabend.
Schuberts Gespenst ist zwar Teil des Kanons, lässt sich aber dennoch produktiv neu interpretieren. Er steht neuer kultureller Produktion keinesfalls im Weg – im Gegenteil: Anstatt ein striktes Vorbild für kommende Generationen zu sein, inspiriert er und vermittelt eine Begeisterung für die vielschichtigen, bunten Landschaften des alltäglichen Lebens, wo „in Durchführungen verzichtet [wird], die Themen motivisch zu zergliedern, um aus ihren kleinsten Teilen den dynamischen Funken zu schlagen, sondern die unabänderlichen Themen werden fortschreitend enthüllt“3. Wie auch immer dieses vorige Zitat gemeint sein mag: Schubert Unrasiert feiert ihn, reinterpretiert unser Wien, wie es ist, und bildet sein Leben im Glanz und Prunk dieser Stadt ab. Zu hören gibt’s von Synthiepop über Jazz und Burlesque (Lenya Gramß) bis hin zu einem Spielstück auf der Oud – musikalische und kulturelle Unterschiede prallen aufeinander, woraus ein plurales Ganzes entsteht: unser Wiener Kollektiv.
Die Bandmitglieder wechseln sich ab und tauschen ihre Instrumente; die Konstellation auf der Bühne befindet sich ständig im Wandel. Schauspieler*innen treten zwar in eine Performance-Rolle, aber bleiben dennoch sie selbst – gerade sie sind Wiener*innen und sein Kulturgut. Nicht zu übersehen ist ihr lauter Spaß am Theatermachen selbst. Alle können mitmachen – und umso größer wird die gemeinsame Unterhaltung! Im Angebot stehen: ein Q&A mit Herrn Präsidenten Trump (Johannes Deckenbach), ein paar einfache Fragen vom Moderator ans Publikum oder Mitsingen zu Cuban Pete (Nils Hausotte).
Schubert Unrasiert lässt sich nicht verpassen. Die Performance hat es verdient, Aufsehen zu erregen. Herzlichen Glückwunsch an die Schauspieler*innen und eine Empfehlung an die Leser*innen, den Liederabend zu besuchen – Sie werden es nicht bereuen!
Zitate:
- Adorno, Theodor W. (1964): „Vierhändig, noch einmal“ [1933], in: ders.: Impromtus. Zweite Folge neu gedruckter musikalischer Aufsätze (1964), GS 17, 303-306 [hier: 304].
- Jelinek, Elfriede (1986 [1983]): Die Klavierspielerin. Hamburg: Rowohlt [hier: 188, meine Hervorhebung].
- Adorno, Theodor W. (1964): „Schubert“ [1928], in: ders.: Moments Musicaux. Neu gedruckte musikalische Aufsätze 1928-1962, GS 17, 18-33 [hier: 27; meine Hervorhebung].
GS – Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, hg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss u. Klaus Schultz, 20 Bände, Frankfurt/M: Suhrkamp 1970ff; Taschenbuchausgabe 1997, 22004.

