Oder von einer Dystopie über Elend, Menschsein, Migrantisierung, Alkoholismus, Gewalt, Wahrheit, Lüge, Gott, Ungerechtigkeiten in den USA und Merz’ Stadtbild-Aussage.
Wo?: Neue Studiobühne (Max Reinhardt Seminar)
Wann?: 07.03.2026 (Premiere)
Schauspieler*innen: Diyar Agit, Noëmi Duong, Nikolas Lajos Kendi, Leonie Pum, Caroline Szivak, Leonard Tondorf
Regie: Vincent Busche
Bühne: Marcus Möller
Kostüm: Elisabeth Pscheidl
Musik: Bernhard Eder
Licht: Paul Eisemann
Dramaturgie: Katharina Marie Lebmeier
Regieassistenz: Sasha von Manteuffel
Inspizienz: Dar Ronge
Was hat uns das berühmte Max-Reinhardt-Seminar dieses Mal anzubieten? Im Theatersaal des Instituts fand am 07.03.2026 die Premiere von Gorkis Nachtasyl statt, dessen Handlung in eine dystopische Vision „des möglichen Morgens“ eingebettet wurde. Das Stück stellt die qualvolle Realität einer kleinen Obdachlosengruppe dar und enthüllt die tierische, aber doch menschliche Brutalität unter dem Druck existenzbedrohender Not. Trotz der normalisierten Gewalt unter den Protagonist*innen, Alkoholismus und stets eskalierender Streitereien wird ein empathischer Einblick in die Geschichten einzelner Figuren gewährt, wodurch man*frau sich z. T. in den Figuren wiederfinden kann – in ihren Träumen, unerfüllten Wünschen und der Hoffnung auf einen besseren Morgen.
Ehe man*frau genauer auf die Umsetzung des Stückes eingeht, müssen einige Vorüberlegungen vorgenommen werden, um das politische Gewicht und Vincent Busches Konzept in der breiteren Kontextualisierung zu beleuchten.
Kurze Kontextualisierung:
Zur Zeit der Uraufführung (1902) herrschte in Russland die Autokratie von Nikolaus II, der die im Zuge der Industrialisierung neu entstehenden Gesellschaftsschichten in halbfeudalen Verhältnissen festhielt, um seine Machtposition zu festigen. Gorki leistete mit seinem Stück harsche Kritik an der zeitgenössischen zarischen Politik, die ganze Massen betroffen und ihrer Menschlichkeit beraubt hat. Es war eine lebendige Auseinandersetzung mit den gegebenen sozialen Umständen. Das Problem der Obdachlosigkeit zeigt sich dabei als systematisch erzeugtes Gesellschaftsphänomen, das letztendlich nicht nur in der Autokratie, sondern auch in gegenwärtigen, liberalen Staatsformen anzutreffen ist und wohl bestehen bleibt – es reicht ein kurzer Spaziergang über Mahü.
An dieser Stelle eine wesentliche Frage bezüglich der Inszenierung: Was steckt hinter Busches Idee, die Handlung samt Figuren in die Zukunft zu versetzen? Ist die derzeit stattfindende Gewalt an Obdachlosen in Wien nicht relevant genug, dass die Problematik im Stück weiter abstrahiert und als bloß fiktional behandelt werden muss? Soll die Entfremdung des realen und dringenden Problems als Gedankenexperiment zur Überlegung humanistischer Parolen dienen? Wird das Elend in der Folge dann nicht fetischisiert, dass es nur als Darstellungsmittel der „Widersprüche des Lebens“1 erscheint? Was soll Busches Inszenierung der ‚Zukunftsobdachlosen‘ bezwecken?
Der Regisseur mag der aktuellen globalen Diskussion gerecht werden und schöpft die Inspiration für eine Dystopie aus dem globalen Rechtsruck – die Handlung des Stückes bleibt dennoch in Russland verankert, warum auch immer. Mit diesem Rückgriff will er sich u. a. zur verruchten Stadtbild-Aussage von Merz oder zu Aggressionsakten von ICE in den USA positionieren, wo Bürger*innen zu Fremden gemacht werden – die Obdachlosigkeit erscheint dann umfassender konzipiert – etwa durch Hautfarbe, Herkunft etc. bedingt – und nicht mehr primär durch ökonomische Ohnmacht.
Zur Inszenierung:
Man*frau begegnet fünf Protagonist*innen im grauen Bunker – Spielkarten liegen über den ganzen Boden verstreut, es gibt ein oder zwei kleine Bücherstapel. Leuchtstoffröhre verleihen der Bühne hygienische Züge, die sich auch in den modesten Uniformen widerspiegeln. Genauso sinnlos wie verstreute Karten sitzen und liegen die Obdachlosen an den Zellenwänden, wenn der Tag wieder in die Zelle einbricht.
Die Verhältnisse in der Gemeinde sind lose und durchdrungen von schierer Gewalt – immer wieder stolpert man*frau über kleinere Vorwürfe, Beschuldigungen oder auch über sowas wie Liebesbeziehungen. Es lässt sich keine stabile Hierarchie erkennen, nach der die Gruppe strukturiert sein sollte – vielmehr erinnert die Obdachlosengesellschaft an eine Tierschar. Der animalistische Charakter ihres Lebens wird auch direkt angedeutet: Über sie wird wie über Tiere gesprochen, sie werden von den Menschen in der Öffentlichkeit „da oben im Tageslicht“ entsprechend behandelt, und schließlich beginnen sie auch selbst, sich untereinander als solche wahrzunehmen und sich dementsprechend zu verhalten. Trotz der „Verwilderung“ in der Dunkelheit des Kellers beweisen sie ihre Menschlichkeit vor dem dazugekommenen Pilgerpriester: Der ehemalige Schauspieler rezitiert mit Mühe das alte Gedicht, Pepel sucht nach Wahrheit und einer besseren Zukunft und Anna bitten den Mann Gottes um letzten Beistand.
Das Bühnenbild und seine Gestaltung waren durchaus gelungen – der sich einschränkende Raum und die im Boden entstehenden Löcher stellten eine unkonventionelle Lösung dar, Ausschluss, Einsamkeit und Ausgangslosigkeit der Lage von Obdachlosen abzubilden. Ähnliches gilt auch für das Kostüm, das den dystopischen, quasi namenlosen Charakter bekräftigte und gut mit anderen Elementen des Theaterstücks in Einklang kam.
Lob muss ebenso den Schauspieler*innen gewährt werden: Die Darstellung der Gewalt hinterließ einen starken, überzeugenden Eindruck. Annas Bitten um den letzten Trost berührten tief, das schizophrenieähnliche Lachen Wassilissas angesichts des Todes machte einem*r Gänsehaut und die hoffnungslose, aggressive Spannung zwischen den Figuren war nicht zu übersehen.
Nichtsdestotrotz fehlte es an einer überlegenen Bühnenchoreografie – die Verteilung der Schauspieler*innen auf der Szene wirkte öfter uneinig, ungleich und chaotisch. Dazu muss noch angemerkt werden, dass viele Bewegungen der Figuren verstellt und unnatürlich erschienen, was einigen Szenen einen kitschig-pathetischen Eindruck verlieh.
Was noch grundsätzlich zu redigieren gilt, sind Sprache und Dialoge. Die Figuren bewegen sich oft in verschiedenen Sprachregistern, mal wird Standard-, mal Umgangssprache gesprochen und manchmal werden prophetische Reden gehalten. Diese Register waren jedoch nicht deutlich genug voneinander differenziert, sodass dem Sprachduktus keine gewichtige Aussage zu entnehmen war. Stattdessen bewirkte das Ganze eine unsinnige Zweideutigkeit, was wiederum den Ernst der von Busche aufgeworfenen Fragen infrage stellt: der Priester klang, als wolle er die Bibel rappen, wenn er den anderen mit „Bruder“ ansprach.
Dialoge und Körpersprache wirkten in bestimmten Momenten wie live aus einem Highschool Musical: Im Zusammenhang mit Pepels schwerwiegender Entscheidung, einen neuen Lebensweg einzuschlagen und mit Natascha ins ‚goldene Land‘ – Sibirien – aufzubrechen, erweckte die Zusammenstellung von Form und Inhalt der Aussagen zumindest einen komischen, wenn nicht sogar einen lächerlichen Eindruck.
Im Hinblick auf Busches Neuinszenierung von Nachtasyl von Gorki stellt sich weiterhin die Frage, wozu die Handlung in die Zukunft verlegt wurde. Vielleicht finden wir im Programmheft einen Hinweis: „Es werden Fragen nach Wahrheit und Lüge sowie nach dem Kern des Menschenseins verhandelt […]. Am Ende steht keine einfache Lösung, sondern ein fragender Blick auf das Elend und die Widersprüche des Lebens“2. Die Wortmalerei ist wohl gelungen, deckt sich jedoch nicht vollständig mit dem Stück. Dieses konnte die großen Versprechen des Programmheftes nicht halten und das mühsam angestrebte Pathos kippte teilweise ins Komische. Schließlich blickt das Publikum mitleidsvoll auf ein erfundenes Bild der ‚zeitlosen‘ Obdachlosen und fantasiert mit dem Regisseur, wie es um das Elend in der Zukunft bestellt sein wird – ein wenig kritischer Blick.
Liebe Leser*innen, dennoch möchte ich Euch ermuntern, selbst hinzugehen und Euch das Stück anzusehen. Vielleicht findet Ihr in der Produktion und ihren großen Fragen zum Menschsein Inspiration – oder Ihr reibt Euch an den Widersprüchen von Leben und Elend, die hier anhand Zukunftsobdachlosen verhandelt werden. Vielleicht.
[1] Busche, Vincent (2026): Nachtasyl. Eine Dystopie. In: Programmheft von Max Reinhardt Seminar zum Maxim Gorkis Nachtasyl.
[2] ebd.

