Regie: Lucia Bihler
Bühnenbild: Pia Maria Mackert
Kostüme: Victoria Behr
Kostüm-Mitarbeit: Caroline Haberl
Komposition und Sounddesign: Jacob Suske
Musikalische Mitarbeit: Alyona Pynzenyk
Licht: Marcus Loran
Dramaturgie: Sarah Lorenz
Outside Eye: Paulina Alpen
Das Akademietheater ruft mithilfe der Regisseurin Lucia Bihler den Klassiker Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung wieder ins Leben – voller bunter Fantasie, gruseliger Romantik, berührender Untertöne und ohne Warnungen vor bürokratisch-faschistischen Neigungen der österreichischen Gesellschaft in den Sand fallen zu lassen.
Das Publikum wird mit dem spätmittelalterlichen Spruch des Riesenlindwurms begrüßt, der das gesamte Stück mystisch überzieht und strukturell umklammert: „Ich lebe, ich weiß nicht wie lang, /Ich sterbe, ich weiß nicht wann, /Ich fahre, ich weiß nicht wohin, /Mich wundert, dass ich so fröhlich bin –“1. Nach dem kurzen Monolog des lauernden Monsters fallen wir mit Elsabeth in seinen gähnenden Rachen, der sich über die ganze Bühne erstreckt – von da aus gibt es keinen Fluchtweg mehr. Trotzdem tröstet und täuscht uns das „Hope“-Neonschild vor, das schon vor dem Beginn das Publikum verführt – dieses Versprechen verheißt jedoch so viel Gutes wie das Lichtlein des Seeteufels.
Elisabeth wird von der Erdfläche mit einem Strafzettel in eine Quasi-Unterwelt geschmettert, wo sie trotz ihrer miserablen Lage ihre Selbstständigkeit zu erkämpfen sucht. Sie tritt dem ‚kleinen Totentanz‘2 bei, wenn sie ihren Leichnam der Anatomie verkaufen will, um Schulden zu zahlen und sich den Wandergewerbeschein als Miedervertreterin zu besorgen. Der Oberpräparator sagt ab, weil „die Leut […] halt den amtlichen Verlautbarungen nichts [glauben]“3, dass man*frau sowas nicht mehr mache. Dahingegen beschließt der verschrobene Präparator, Liebhaber und Sammler aller Tierarten, Elisabeth wegen ihrer Reputation als Tochter des vermeintlichen Zollinspektors zu unterstützen. Es wird dann klar, dass es sich um einen doch gewöhnlichen Versicherungsinspektor handelt, und Elisabeth landet wieder vor Gericht.
Die Protagonistin versucht ihre Chance dann bei Frau Prantl – vergebens. Darauffolgend stößt sie auf einen Polizeibeamten, der sich leicht um den Finger wickeln lässt, weil er in Elisabeth seine verstorbene Gattin wiedererkennt. Die Momente der scheinbaren Ruhe dauern aber nicht lang – der Geliebte erfährt, dass Elisabeth vorbestraft ist und sich momentan in einem juristischen Verfahren befindet, was auch seiner Karriere zur Last werden könnte. Alfons fasst seinen Mut und – puff!, er macht sich ‚rational‘ auch aus dem Staub und Elisabeth hingegen in den Fluss. „Schade, das arme Menschenkind“.
Die Umsetzung dieses schon alten Stücks konnte eine*n in Staunen versetzen. Sowohl das Bühnenbild als auch Kostüm spielten mit symbolischen Affinitäten und luden somit das Publikum zu kleinen Ratespielen ein. Elisabeth ist in der Grotte-Unterwelt der einzige Mensch – sonst stellen alle anderen Figuren teufelsähnliche Hybriden dar: Sie haben was vom Menschen, was vom Tier, was vom Was-auch-Immer-das-Magische-war, streifen langsam an Furby oder Labubus an.
Ästhetisch bot das Spektakel großen Genuss an. Die Handlung war nicht nur durch Dialoge und szenisches Verhalten vermittelt, sondern auch durch aussagekräftige Bilder, die auf der Bühne wie ausgemalt entstanden. Der erste Fall Elisabeths, ihr Gemeinsam-Sein mit dem Polizeibeamten, im Endeffekt auch ihre Bestattung – die Bilder hinterlassen einen starken Eindruck.
Wenn wir schon bei der Protagonistin hängen, gehört die Schauspielerin, Marie-Luise Stockinger, wohl hochgepriesen. Ihr Auftritt balancierte zwischen Hoffnung und Verzweiflung bis zum manischen Zustand, der einem*r Gänsehaut einjagte. Es war so, als verkörperte sie eine kleine Fallstudie für systematisch geprägten Menschenuntergang, und man*frau glaubte es ihr – „armes Menschenkind!“.
Sehr spannend erschien auch Bihlers Entscheidung eine Geigerin in das Stück zu integrieren. Einerseits fungierte sie in der ersten Hälfte lediglich als unsichtbarer Soundtrack (das notabene sehr Poor Things ähnelte), andererseits als sie sich in der anderen Hälfte immer sicherer auf der Bühne bewegte, merkte Elisabeth ihre Präsenz und interagierte sogar mit ihr – so ein kleiner Zwinker zum Publikum: „des is jo netta Theata“. Es kann wundern, wie selbstbewusst Bihler tragische, komische und auf sich selbst verweisende Elemente (Theatermacherei) miteinander vereinbart hat.
Im großen Ganzen habe ich zwei vage Kritikpunkte zu äußern: Erstens fiel die Dramaturgie insgesamt seltsam ausgedehnt aus. Man*frau hatte den Eindruck, es sei nur die Einführung für eine weitere Entwicklung – so ein Intro in die eigentliche Handlung. Das war aber nicht der Fall, denn auf Ja und Nein bringt sich Elisabeth um, läuft als Leiche einige Male über die Szene Amok, und die Lichter gehen wieder aus – Ende. Die Inszenierung wirkte z. T. wie eine Kreuzfahrt einer Frau in fünf Bildern – es gab also keine Up and Downs, sondern nur Downs. Zweitens, das im Publikum erzeugte Mitleid wirkte genau so künstlich und oberflächlich, wie dasjenige, das im Stück persifliert wurde. Reagiert man*frau auf Gewalt mit Mitleid, wird ihr Dasein gerechtfertigt4.
Sinnt man*frau sich über diese Inszenierung länger nach, fällt auf, dass die Bühne weder Dynamik noch Handlung wiedergeben konnte – und damit ist keine harsche Kritik gemeint! Auch wenn Verhandlungen auf der Szene dargestellt werden, wissen alle – sowohl die Figuren als auch das Publikum –, wie diese Geschichte ausgeht – ohne mal Programmheftchen zuvor aufgeschlagen zu haben. An diesem Punkt wird der bildhafte Charakter der ganzen Tragödie sichtbar: Es überrascht eine*n kaum, dass Elisabeth tot im Fluss aufgefischt wird. Diese Tragödie erscheint also genau so fatalistisch, wie die griechischen Vorbilder der Antike: Statt Götter treten jedoch menschgemachte Strukturen auf, deren Wächter*innen mit großer Leichtigkeit hinwegsehen können, dass hinter den Papieren und Gesetzen vulnerable Menschen stehen.
- von Horváth, Ödön (2020): Glaube Liebe Hoffnung. Kastberger, Klaus u. Reimann, Kerstin (Hg.), S. 327; zitiert in: Klemens, Gruber und Meister, Monika (2023): „Glaube Liebe Hoffnung (1933)“, in: Streitler-Kastberger, Nicole u. Vejvar, Martin (Hg.): Ödön-von-Horváth-Handbuch. Berlin u. Boston: De Gruyter, S. 142.
- Der volle Titel des Stückes heißt: Glaube Liebe Hoffnung. Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern.
- von Horváth 2020, S. 300; zitiert in: Klemens u. Meister 2023, S. 142.
- vgl. Hempel, Nele (1998): Marlene Streeruwitz – eine kritische Einführung in das dramatische Werk unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt und Humor. Ann Arbor: UMI Microform, S. 153.

