Wer lacht hier so laut, dass er sich fast anbrunzt?

Rabenhof Theater  /// 07. März 2019 /// Die TAGESPRESSE – Schwarz-Blau Unzensuriert

Hundert Minuten zeitgenössische österreichische Comedy. Am Donnerstag war ich bei der Tagespresse, die mir einen “unzensurierten” Blick auf Schwarz-Blau versprach: über heilsames Lachen und die Frage, wen das ganze ansprechen soll.


Ö1-Stimme Paul Kraker betritt die Bühne, über die mehrere Quadratmeter große Bildschirme zurren. Willkommen im Fernsehen. Die drei gerade noch jungen Wiener Fritz Jergitsch, Sebastian Huber und Jürgen Marschal haben für ihre Comedy ein ziemlich gutes Setting geschaffen. Wir – das Publikum – sitzt mitten im TV-Studio, sehen live, was vor sich geht. Alles ist wichtig, alles breaking news. Kraker wird sich nun über hundert Minuten und eine Pause hinweg frontal mit uns und dem Personal eingespielter Videos unterhalten (u.a. Ulrike Haidacher als Polit-Expertin, Nicholas Ofczarek als burschenschaftlicher YouTuber @arierarier).

 

In der Pause frage ich mich, wer das ist – “Wir” im Publikum. “Wir” sind die, die über den sukzessiven Abbau des Sozialsystems durch die FP/VP-Regierung lachen. “Wir” sind auch die, die die Selbstzerstörung der Opposition lustig finden. Für den Verlauf des Abends sind wir nicht betroffen, sondern außen vor. Wie heilsam die Distanzierung von lebenswirklichen Schwierigkeiten durch Lachen ist, spüre ich im Einspieler, der Mathias Novovesky als “Herzblatt”-Gast zeigt. Nachdem sich der junge Simmeringer Hackler von seiner Freundin, der SPÖ, getrennt hat, ist er nun auf der Suche nach einer neuen Partei. Wenig später schaltet die WKO eine entgeltliche Einspielung. Christoph Fritz als “Wirtschafts Chrisi” blattelt sich in seiner Überheblichkeit so schön auf, dass ich Genugtuung empfinde. Endlich werden die Mächtigen verarscht.

Sind “Wir”, die von der SPÖ enttäuschten, die nicht wissen, wohin mit ihrer Stimme und sich ohnmächtig fühlen gegenüber der Wirtschaftskammer, den politischen und ökonomischen Eliten des Landes? Vermutlich ja. Gleichzeitig ist das “Wir” aber auch weiß, hetero und männlich. Die Thematisierung ‘anderer’ Diskurse bleibt weitgehend auf Gags beschränkt, die die diskriminierende Perspektive des Malestreams ausstellen, indem sie sie wiederholen. Das ist schade, denn das Öffnen seiner normativen Mono-Perspektive hätte dem Abend gut getan.

 

 

FAZIT: Sehr lustiger Abend, der zurecht ständig ausverkauft ist – allerdings mit ziemlicher white-male-mono-Perspektive. Wem das egal ist, wird einen schönen Abend haben. Wen das ärgert, ist bei PCCC* besser aufgehoben.


Die TAGESPRESSE Schwarz-Blau Unzensuriert

Moderation: Paul Kraker; Buch: Fritz Jergitsch, Sebastian Huber und Jürgen Marschal; Special Appearance: Antonia Stabinger, Christoph Fritz, Peter Klien, Christoph Krutzler, Nicholas Ofczarek, Mathias Novovesky,  Manuel Rubey, Erwin Steinhauer; Sprecher_innen: Michaela Rädler, Elisabeth Semrad, Elisabeth Spira, Thomas Hois, Julian Paschinger; Regie: Roman Freigaßner-Hauser, Thomas Gratzer; Bühne: Chili Gallei


Fotos: (c) Pertramer / Rabenhof Theater.

 

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