I`ll be your mirror…

Eine Kritik von Emily Richards

Deutsches Theater Berlin /// Premiere: 30. 11. 2018 /// Aufgezeichnet am 28.04.2019 /// Persona

Anna Bergmann inszeniert Persona nach dem Film von Ingmar Bergman (1966) mit toller Besetzung und nachhaltiger Wirkung.


Die Schauspielerin Elisabeth Vogler (Karin Lithman) verstummt inmitten einer Vorstellung von „Elektra“ für einige Augenblicke. Am nächsten Tag entscheidet sie sich, von nun an zu schweigen und wird in eine Klinik eingewiesen. Diagnose: „Hysterische Reaktion“. Zusammen mit ihrer Pflegerin Alma (Corinna Harfouch) wird Elisabeth in das Sommerhaus ihrer Ärztin geschickt, um ihre Genesung voranzutreiben.

Eine eigentümliche Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden. Als die bislang devote Alma einen verräterischen Brief von Elisabeth an die Ärztin findet, kippen Stimmung und Machtverhältnis. Ein psychischer, als auch physischer Kampf beginnt zwischen den Frauen, die immer mehr miteinander verschmelzen.

„Kann man ganz verschiedene Menschen sein? Zur selben Zeit? Ganz nah beieinander?“ – Die Themen Identität, stereotype Rollenbilder und Spiegelung ziehen sich durch die gesamte Inszenierung. Dass das halbrunde Bühnenbild einem Spiegelkabinett gleicht und der Boden nach einem Regenfall ebenso reflektiert, wirkt erklärend. Mit Elisabeths Auftritt zu dem Song „I’ll be your mirror“ (The Velvet Underground & Nico) erreicht diese Überdeutlichkeit ihren Höhepunkt. Über diesen Umstand sieht man* aber aufgrund des eindrucksvollen Zusammenspiels der beiden Hauptdarstellerinnen hinweg. Elisabeth und Alma werden sich zum Verwechseln ähnlich, bis man* sich die Frage stellt, ob es sich nicht wirklich um ein und dieselbe Person mit zwei Gesichtern handelt. Tatsächlich haben Corinna Harfouch und ihre schwedische Kollegin, Karin Lithman, für die deutsche Version aufgrund der Sprachbarriere die Rollen getauscht. In Malmö spielte Corinna Harfouch die schweigsame Elisabeth.

Die Darstellung der „weiblichen“ Psyche und Erotik, vor allem im Hinblick auf Elisabeths Diagnose, ist etwas aus der Zeit gefallen – schade, dass die filmische Grundlage von 1966 hier nicht neu interpretiert wurde. Dennoch ist es schön, zwei Frauen zu sehen, die klischeebehaftete Frauenrollen in Frage stellen und versuchen, aus diesen auszubrechen. Ausnahmsweise stellen Frauen keine Projektionsfläche für Männer, sondern füreinander dar. Gegen Ende wird das Rätsel um Elisabeths Schweigen scheinbar gelöst. Sie erträgt es nicht, Mutter zu sein. Sie wollte niemals Mutter sein, doch hat sich aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen unter Druck gesetzt und dazu verpflichtet gefühlt, ein Kind zu zeugen und sich ihrer Mutterrolle anzunehmen. Damit verhandelt Anna Bergmann in ihrer Inszenierung ein Thema, das heute mancherorts immer noch tabuisiert wird und stellt das ebenso verstaubte Verständnis von „Weiblichkeit“ in Frage.

Fazit: Die beiden großartigen Hauptdarstellerinnen tragen diese kurzweilige Inszenierung mit teils überholter Thematik, die Zuschauer*innen zur Reflektion über die eigene, gesellschaftlich zugeschriebene Rolle einlädt. Absolute Streaming-Empfehlung!


PERSONA
Nach dem Film von Ingmar Bergman in der Übersetzung von Renate Bleibtreu.
Eine Koproduktion des Stadttheaters Malmö und des Deutschen Theater Berlin.

Schauspiel: Karin Lithman, Corinna Harfouch, Franziska Machens, Andreas Grötzinger | Regie: Anna Bergmann | Bühne: Jo Schramm | Kostüme: Lane Schäfer | Musik: Hannes Gwisdek | Licht: Sven Erik Andersson | Video: Sebastian Pircher | Dramaturgie: Sonja Ahners, Felicia Ohly | Fernsehregie: Catharina Kleber

Dauer: 84 min

Mehr Infos zum Stück: Klick!
Stream: Klick!


Fotos: © Arno Declair

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