Eleanor Rigby im Volkstheater

Volkstheater Wien // 29.09.2021 // Einsame Menschen


“Look at all the lonely people.” — In dem Lied „Eleanor Rigby“ singen die Beatles über einsame Menschen. Einsam sind auch die Bewohner des Landhauses in Berlin am Müggelsee in das sich Johannes Vockerat und seine Familie eingemietet haben. Eine eigentlich ländliche Idylle, die nicht über das im Haus herrschende Unglück hinwegtäuschen kann. Ein Riss, dessen Abgrund sich durch den Besuch der Studentin Anna aus Zürich unaufhaltsam weiter auftut.


Weiße grosse Papp-Hände, die Handflächen gegen oben, eine empfangende Geste, umrahmen links und rechts das schwarzweiße Bühnenbild von Hauptmanns Geschichte, die Nebelmaschine arbeitet auf Hochtouren. Idylle sollte das Wort sein, dass einen in den Sinn kommt, wenn man zurückgezogen am Land wohnt und philosophischen Gedanken nachhängt. So hat sich das zumindest Johannes Vockerat (Nick Romeo Reimann) vorgestellt, als er mit seiner Frau Käthe (Anna Rieser), ihrem gemeinsamen Kind und seiner frommen Mutter (Anke Zillich) ein Landhaus mietet. Mit im Gepäck sein Jugendfreund Braun (Claudio Gatzke), ein Künstler, der keine Kunst mehr zu Stande bringt. Die leeren und ausdruckslosen Mienen der Anwesenden zeugen jedoch von etwas anderem. Von Insichgekehrtsein, von Unglück, von Unverstandensein. Nicht einmal das Neugeborene des Ehepaar Vockerat entlockt der frischgebackenen Mutter ein Lächeln. Währenddessen hält Frau Vockerat an Gott fest, ihr Sohn an der Philosophie. Das Desinteresse an Johannes wissenschaftlichen Schriften mündet in dessen Gekränktheit. Verständnis findet der Denker erst in der Studentin Anna (Gitte Reppin), die Braun einen Besuch bereitet und dabei das Haus sowie das versteinerte Vertrauen in eine unglückliche Ehe auf den Kopf stellt.  

© Nikolaus Ostermann

Das schwarzweiße Bild wird durch Annas grellgelbes Kleid und ihre riesige Sonnenbrille, die ihre feinen Gesichtszüge verschluckt, gebrochen. Eine Einspielung von dem Beatles-Lied “Eleanor Rigby” ist zu hören, Anna dreht sich im Kreis, tanzt und verzaubert alle: Nicht nur Johannes entdeckt in ihr eine verschollene Seelenverwandte – Käthe sieht in Anna eine feministische Version ihrer Selbst, und Frau Vockerat eine Intellektuellen-Tochter. Eine Obsession für Anna entbrennt in Johannes und er verrennt sich in neuen Beziehungsmodellen. Käthe und sein Kind werden nur am Rand in diese Ideen miteinbezogen, bald spricht Johannes mit Käthe nicht mehr über “unser” sondern “dein” Kind. Stichwort Polyamorie. Johannes meint, dass er sich keine Frau für die andere aufgeben muss, da Käthe sowie auch Anna ihm jeweils etwas anderes im Leben geben würde. Dass Käthe wiederum ihren Johannes ungern teilt kommt diesem nicht in den Sinn. Die polyamore Idee, die fortgeschritten und zeitgenössisch sein soll, wirkt durch das kindische Gebaren von Johannes patriarchal. Schlussendlich dient das neue Beziehungskonzept nur als Freifahrtschein für Johannes, an welchem Käthe langsam zugrunde geht. Die fehlende Aufmerksamkeit von Johannes, die nun Anna zuteil wird, wirft in dem ohnehin blassen und unscheinbaren Mädchen Zweifel auf, die sich jedoch nie gegen ihren Ehegatten richten, sondern stets gegen sich selbst. Das Drama spielt sich in Käthes abgestumpften Bewegungen ab, ihrem sichtlich schwindenden Lebensmut und in ihren durch eine Schere angedeuteten Mordversuchen gegen ihr eigenes Kind. 

© Nikolaus Ostermann

Reimanns aufbrausende und trotzige Verkörperung von Johannes,, haucht dem jungen Vockerat etwas Verzogenes und Bengelartiges ein. Ungläubigkeit über Johannes Ausmaß an Egoismus, macht sich in den ZuschauerInnen breit. Man kann nicht fassen, wie blind der Jüngling gegenüber dem Leid seiner eigenen Ehefrau ist und mit welcher Herablassung er ihr gegenüber tritt, ihren Horizont schmal nennt und sie als Dummchen bloßstellt. Die anfängliche Anhimmlerei für Anna verfliegt  bei Käthe wie auch bei Frau Vockerat wieder schnell . Frau Vockerat, meistens als prägnante Off-Stimme präsent, versucht ihren Sohn zur göttlichen Besinnung zu bringen und fleht Anna an das Haus zu verlassen und somit ihren Jungen frei zu geben. Dramatisch droht Johannes damit, ebenfalls zu gehen oder sogar aus dem Leben zu scheiden. Das Drama wird durch die Beziehung der Eheleuten getragen, durch Johannes´ Ignoranz und Käthes Aufopferung und bedingungsloser Hingabe, mit welcher sie ihr schicksalhaftes Ende besiegelt. Dem Regieteam gelingt es die Einsamkeit jeder einzelnen Figur während des gesamten Stückes aufrecht zu erhalten. Hoffnung und Glück bleibt allen verwehrt. Als Überbleibsel des Unglücks die tragische, in Nebelschwaden gehüllte Figur der Käthe, die Aufforderung, sie müsse glücklich werden noch in der Luft.


EINSAME MENSCHEN von Gerhart Hauptmann

Regie: Jan Friedrich, Kay Voges und Ensemble | Kostüm: Vaness Rust | Musik: Felix Rösch | Komposition: Alva Noto | Lichtdesign: Julian Paget | Ton: Giorgio Mazzi | Schauspiel: Nick Romeo Reimann, Anna Rieser, Anke Zillich, Gitte Reppin, Claudio Gatzke, Stefan Suske | Dramaturgie: Matthias Seier


Weiter Informationen zum Stück finden Sie hier:
https://www.volkstheater.at/produktion/769461/einsame-menschen

X

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen