Minimalismus in seiner Größe

Theater Nestroyhof Hamakom/// 13.05.2019/// Apart-ment  

In wunderschöner Schlichtheit präsentiert Keyvan Sarreshteh private Anekdoten über seine Kindheit bis hin zum Ende seiner 20er.

Ein Kübel Wasser, ein Schwamm und seine Stimme – mehr bedarf es dem 32-Jährigen in seiner Inszenierung nicht. Mit dem nassen Schwamm zieht er dunkle, feuchte Linien auf den schwarzen Boden des Vorführraumes, welche die Grundrisse der Lebensstationen darstellen: Die Lebensgeschichte des Künstlers wird wortwörtlich aufgezeichnet. Die Linien trocknen und verschwinden im Laufe seiner Erzählungen – machen Platz für neue Linien und Geschichten. Simple Eckdaten, wie die Etage oder die Anzahl der Zimmer, läuten die Darstellung der Wohnungen ein, die der Iraner im Laufe seines Lebens bewohnt hat. Lediglich die weißen Untertitel auf dem schwarzen Monitor begleiten die Erzählungen von alltäglichen Ritualen, Liebe und Verlust.

 

 

In Apart-ment zeigt Sarreshteh auf eine minimalistisch-geniale Weise die Vergänglichkeit des Lebens, wie sich dadurch neue Wege auftun und wie Rückschläge und Veränderung ihn und seine Familie bis heute prägen. So simpel und echt wie die Inszenierung sind auch seine Worte, die einen tiefen Einblick in die Biografie des Künstlers geben. Die Erlebnisse füllen das oft wechselnde Zuhause und geben dem zweidimensional-dargestellten Räumen zeitliche Tiefe. Durch die emotionalen Umschreibungen erzeugt der Erzähler starke Bilder in den Köpfen der Zuseher_Innen und die simplen Linien erscheinen wie realistische Möbelstücke, die für den Künstler mit so vielen Gefühlen und Erinnerungen verknüpft sind. Es wird an das rote Stockbett erinnert und an den Streit mit der Schwester wer das obere Bett bekommt. Oder an den metallenen Schrank in der Küche und daran, wie die Mutter davorsaß und geweint hat. Sarreshteh erzählt von den Orten an denen er gelesen, gelacht, geweint oder sich das erste Mal verliebt hat. Er erzählt von den Unterschieden und Ähnlichkeiten seiner wechselnden Zimmer und wann er sich in neuen Wohnungen das erste Mal zuhause gefühlt habe. 
Die Momente im Leben, die Sarreshteh nicht vergisst und die damit verbundenen Emotionen, haften mitunter an Möbelstücken und Orten. Nostalgische Rückblicke auf Familienfeiern, humoristisch umschriebene Banalitäten und bedrückende Erinnerungen an Verluste und Ängste zeigen die Facetten, die das Leben über der Zeit mit sich bringt.

Das Stück lebt durch die minimalistische Darstellung, ohne dabei an Spannung oder Unterhaltung einzubüßen. Auch die notwendigen Untertitel stören nicht, wie in den ersten Minuten vermutet. Inhaltlich und emotional kommen die Anekdoten voll an.
Fazit: Apart-ment ist ein unterhaltsames 40-minütiges Stück, das mit Charme, Humor und Emotion einen alternativen Zugang zum biografischen Erzählen veranschaulicht.

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Apart-ment
Von und mit Keyvan Sarreshteh 
Licht: Niloofar Naghibsadati 
Künstlerische Mitarbeit: Nazanin Mehraein, Navid Fayaz Dobakhshari 
Tourmanagement: Marjan Pourgholamhossein

Weitere Infos: https://www.festwochen.at/programm/produktionen/detail/apart-ment/

© Fotos: Keyvan Sarreshteh/ Saedi Janaati

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