Klischee olé im Scheidungskrieg

Theater in der Josefstadt /// 11.April 2019 /// Toulouse

Noch ein letztes Mal die Ex-Frau vor der Scheidung treffen und dafür der Freundin eine kleine Notlüge auftischen – was kann da schon schiefgehen? Einiges, wenn in David Schalkos Auftragsstück für die Josefstadt ein Terroranschlag dazwischenkommt.


Nach 19 Jahren Ehe treffen sich Silvia und Gustav kurz vor der Unterzeichnung der endgültigen Scheidungspapiere in einem Hotelzimmer an der Cote d´Azur wieder. Dafür hat Gustav seiner 20 Jahre jüngeren, schwangeren Freundin weisgemacht, auf einer Konferenz in Toulouse zu sein. Doch dann verbreiten sich die Nachrichten von einem Terroranschlag auf eben dieser Konferenz und Gustav steht vor der Frage, ob er seiner Freundin die Wahrheit erzählen soll oder nicht.

Leider nimmt dieses moralische Problem zu wenig Teil der Handlung ein; der Großteil des Stückes ist eine verbale Schlacht zwischen den Ex-Partner_innen zu ihrem Leben vor und nach der Trennung. Das beinhaltet viele humorvolle Momente, allerdings bekommt keines der erwähnten Themen Tiefgang. Die Personen werfen sich meist leere Phrasen zum Eheleben an den Kopf. Dabei würden im Stoff durchaus interessante Debatten stecken, wie zum Beispiel die unterschiedlichen Erwartungen an Männer und Frauen in ihrer Lebensmitte: Während sich Gustav nun mit seiner jüngeren Freundin ein neues Leben aufbaut, erscheint es Silvia so, als wäre die beste Zeit ihres Lebens vorbei.

Vermutlich wollte David Schalko Archetypen von Geschiedenen in ihren 50ern bieten, die Identifizierung scheitert jedoch an den blassen Charakteren. Mangels charakterlichen Tiefgangs sowie Informationen zu ihrer Liebes- und Trennungsgeschichte bleibt der Text eine Aneinanderreihung von Klischees über “Männer” und “Frauen” und ein Spiel mit der körperlichen Anziehung. Obwohl die gekünstelte Darstellung von Sona MacDonald das Publikum ahnen lässt, dass ihr Charakter etwas im Schilde führt, fehlt am Ende ein Zusammenbruch oder eine Gefühlsbekundung, welche die Handlungen Silvias erklären würden.

Die Scheidungsgeschichte vor den Hintergrund eines Terroranschlages zu setzen, wirkt in “Toulouse” aufgesetzt: Der Anschlag spielt für den Ausgang der Handlung keine Rolle. Was bleibt ist der Eindruck, dass er nur dem Gegenwartsbezug dient. Irritierend sind auch einige Aussagen zu Terrorismus, welche grob vereinfachend und verharmlosend sind, etwa, wenn Silvia Gustavs Verhalten mit dem eines Terroristen gleichsetzt.

Positiv hervorzuheben ist das Bühnenbild von Herbert Schäfer, dem es gelingt mit einem schiefen Sandstrand und einem spartanisch eingerichteten, kühlen Hotelzimmer den Küstenort am Theater in der Josefstadt darzustellen.

Fazit: Kurzweiliges, weil humorvolles Stück, das jedoch statt Persönlichkeiten Klischees und statt thematischen Tiefgang leere Phrasen bietet.


TOULOUSE

Regie: Torsten Fischer

Bühnenbild: Herbert Schäfer

Bühnenbild und Kostüme: Vasilis Triantafillopoulos

Musik : Edwin Crossley-Mercer

Video: Jan Frankl     http://www.neuewiener.at/wp-admin/post-new.php

Dramaturgie: Herbert Schäfer

Licht: Manfred Grohs

Silvia, Exfrau: Sona MacDonald

Gustav, Exmann: Götz Schulte


Fotos: © Moritz Schell

Mehr Informationen hier: https://www.josefstadt.org/programm/stuecke/premieren-201819/action/show/stueck/toulouse.html

 

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