Ich höre was, das du nie hörtest …

Theater Nestroyhof Hamakom /// 27. Mai 2019 /// Voicelessness

Leben unsere Stimmen weiter, wenn sie unseren Körper verlassen? Das ist eine der wesentlichen Fragen, denen das Stück auf den Grund geht. Immer wieder von wiederhergestelltem Beweismaterial unterbrochen, um einen Mord innerhalb der Familie vor fünfzig Jahren aufzuklären.


Wir befinden uns im Jahr 2070. Die Mutter ist nach einem Schlaganfall vor einigen Jahren im Koma in einer Spezialklinik in Teheran. Die Tochter hat sie an eine selbst erfundene Maschine anschließen lassen, mit der man die Gedanken anderer Menschen als Stimmen hören kann. So kommunizieren Mutter und Tochter miteinander und reden über den Tod des Großvaters. Die Mutter glaubt fest an Mord, hat die Aufklärung des Verbrechens allerdings aufgrund mangelnder Beweise nicht weiterverfolgt. Die Tochter legt genau diese Beweise vor, indem sie gelöschte Familienvideos der Mutter wiederhergestellt hat. Die Stimmung kippt, als klar wird, dass die Tochter ein Video gefälscht hat, um einen weiteren Beweis für den Mord zu haben. Das alles tut sie, weil sie seit einiger Zeit die Stimme ihres Großvaters hört, der am Ende des Stückes die „wahre“ Begebenheit schildert.

Auf der Bühne ist ein weißer, quadratischer Hocker neben einer Leinwand der einzige Gegenstand, der zu sehen ist. Als die Tochter der Mutter erzählt, dass sie einen virtuellen Klon von ihr erzeugt habe, wird der neue Körper der Mutter hinter der Leinwand sichtbar. Die Konversationen der Darstellerinnen wechseln sich mit eingespielten Videos ab.

Es wird schnell klar, dass die hier gezeigte Zukunft ungeahnte digitale Möglichkeiten des Seins bereit hält. Ob wir nun mit Personen, die nicht mehr in der Lage sind zu sprechen kommunizieren, auf Knopfdruck verloren gegangenes oder gelöschtes Bildmaterial wiederherstellen können, oder ein virtuelles Abbild von uns selbst erschaffen, das an virtuellen Gerichtsverhandlungen teilnehmen kann und genauso fühlt, denkt und handelt wie wir. Diese Veränderungen passieren rasend schnell, wie die Mutter mit Schrecken feststellen muss. Die Figur der Tochter entwickelt sich dynamisch im Laufe des Stückes und wird nach kurzer Unsicherheit am Beginn des Stückes immer beharrlicher und dominanter gegenüber der Mutter. Selbst als sie von ihr beschuldigt wird, skrupellos zu sein, bringt sie immer mehr starke Argumente auf, die das Fälschen eines Beweises legitimieren.

Unsere Stimmen leben weiter. Wenn man in den Bergen ein Echo und damit seine eigene Stimme hört, so kann sie fünf Sekunden ohne uns leben und kommt danach wieder zu uns zurück. So wird die Antwort auf die eingangs gestellte Frage formuliert. Der Großvater starb in den Bergen. So schließt sich der Kreis.

Fazit: Der Mord wird nicht aufgeklärt, da man nicht weiß ob die Geschichte des Großvaters, wie er sie am Ende des Stückes erzählt, wahr ist. Ein sehr spannendes und kurzweiliges Erlebnis, das durch die persische Sprache mit vielen aber bewusst gesetzten Pausen intensiv getragen wird.


VOICELESSNESS

Konzept, Regie: Azade Shahmiri
Text: Soheil Amirsharifi, Azade Shahmiri
Mit: Shadi Karamroudi, Azade Shahmiri
Video: Soheil Amirsharifi
Inspizienz: Mohammad Mehdi Chakeri
Licht: Ali Kouzehgar
Musik: Adib Ghorbani
Kostüm: Marzie Seyedsalehi
Videomit: Behzad Dorani, Sajad Tabesh, Hoda Heidari, Mariam Rahimivand
Kamera: Navid Moheymanian, Vahid Alvandifar
Ton: Hadi Manavipour
Schnitt, Farbkorrektur: Mohsen Kheyrabadi
Tonschnitt: Hossein Ghourchian
Video Assistenz: Mohammad Mehdi Chakeri
Deutsche Übersetzung: Sima Djabar Zadegan

Weitere Infos zu dem Stück und Termine hier: Klick!


Fotorechte: © Zarvan Rouhbakhshan

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