Drei Generationen für Kaiser Franz Joseph

Theater in der Josefstadt /// 16. Mai 2019 /// Radetzkymarsch

Die Adaption von Joseph Roths “Radetzkymarsch” erzählt sehr textgetreu die letzten Jahre der österreichischen Monarchie durch die Familie Trotta. Bei dem Versuch, das Buch in zweieinhalb Stunden zu erzählen, bleibt es leider bei einem Schnelldurchlauf.


Sein Großvater hat Kaiser Franz Joseph in der Schlacht von Solferino das Leben gerettet, sein Vater ist Bezirkshauptmann, Carl Joseph wiederum versucht, zwischen Pflichtbewusstsein und familiären Druck seinen Platz in der Welt zu finden.

In seiner Inszenierung bringt Elmar Goerden den Originaltext in erzählter und gespielter Version auf die Bühne, indem neben den Dialogen Erzähler_innen das Geschehen und die Innensicht der Figuren kommentieren. Dies bringt die Prosa Joseph Roths gut rüber, da sie immer in kurzen Abschnitten vom Publikum wertgeschätzt werden kann. Außerdem wird die Diskrepanz zwischen Ausgesprochenem und Gedachtem vermittelt.

Ich hab dich lieb – Wollte er sagen, stattdessen sagte er: “Halt dich gut!”

Dialoge solcher Art stellen die Unfähigkeit der Personen, ihre Gefühle auszudrücken, dar.

Da es aber keine feste, sondern wechselnde Erzählpersonen gibt, herrscht  oft Hektik auf der Bühne und dadurch Verwirrung beim Publikum, vor allem wenn Charaktere, die gerade noch in derselben Szene gespielt haben, kurz darauf diese kommentieren.

Die gehetzte Grundhaltung des Stückes ist nicht nur der Erzählweise geschuldet: Unter der Motivation, die literarische Vorlage in zwei Stunden auf die Bühne zu bringen, leidet der Tiefgang. In dem rapiden Wechsel zwischen Szenen und Rollen der Schauspieler_innen haben die Zuschauer_innen kaum Zeit, sich auf das Gesehene emotional einzulassen und es zu verarbeiten. Ebenso kommt in diesem schnellen Herunterspielen der Schluss zu kurz: Nicht nur bleibt keine Zeit für den Beginn des Ersten Weltkrieges, auch die Tode der beiden Trottas werden nur in einem Satz erwähnt. Schade ist zudem, dass es die Adaption leider nicht vermochte, dem roten Faden des Buches, die Familiengeschichte der Trottas vor dem Hintergrund des Lebens von Kaiser Franz Josephs, zu folgen: Alle Szenen mit dem Kaiser wurden gestrichen. Dabei hätte genau der Bezug auf diese Person der episodenhaften Handlung eine Stütze gegeben.

Lobenswert ist, dass das Theater in der Josefstadt versucht hat, mit der männlich geprägten Vorlage zu brechen, indem sie gewisse Männerrollen mit Schauspielerinnen besetzt haben. Allerdings bestätigte die Regie die weibliche Stereotype von Joseph Roth noch mehr: Kommen im Roman weibliche Figuren nur als Verführerinnen vor, werden sie auf der Bühne komplett zu einem Verkörperung des Vorurteils der lüsternen skrupellosen weiblichen Versuchung.

Fazit: Unterhaltsamer Abend, dem jedoch in der Hektik des Erzählens die Substanz des Werkes und die emotionale Tiefe fehlt. Außerdem werden die Stereotype von Frauenfiguren im Roman noch einmal maßlos übertrieben.


RADETZKYMARSCH

Regie: Elmar Goerden

Bühnenbild: Silvia Merlo, Ulf Stengl

Kostüme: Lydia Kirchleitner

Dramaturgie:Barbara Nowotny

Licht: Manfred Grohs

Leutnant Carl Joseph Freiherr von Trotta und Sipolje: Florian Teichtmeister

Bezirkshauptmann Franz Freiherr von Trotta und Sipolje: Joseph Lorenz

Der Held von Solferino, Jacques, Doktor Skowronnek, Knopfmacher, Major Zoglauer: Michael König

Graf Chojnicki: Andrea Jonasson

Katharina Slama, Eva Demant: Pauline Knof

Doktor Max Demant, Kapturak: Peter Scholz

Oberst Kovacs, Valerie von Taußig, Fräulein Hirschwitz, Polizeirat Fuchs: Alexandra Krismer

Rittmeister Tattenbach, Hauptmann Wagner: Alexander Absenger

Wachtmeister Slama, Rittmeister Taittinger, Rittmeister Zschoch: Oliver Rosskopf

Amtsperson: Ingrid Christina Winkler

 


Fotos: © MORITZ SCHELL

Mehr Informationen hier: https://www.josefstadt.org/programm/stuecke/premieren-201819/action/show/stueck/radetzkymarsch.html

 

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