DIE MÄNNER RUFEN ZUR SCHLACHT UND DAS WEIB GEWINNT DEN KRIEG

VOLX/Margareten /// 21. September 2018 /// Der Weibsteufel

1918 wurde Karl Schönherrs Weibsteufel für das Thematisieren von Ehebruch und Pflichtvergessenheit stark kritisiert, jetzt, 100 Jahre später, sind mir diese Punkte nicht groß aufgefallen – Sie sind Symptome für ein viel weitreichenderes Problem: die fehlende Eigenständigkeit des Weibs. Zentral ist die Tragik, unter der zwar jede Figur leidet, für die aber dennoch jede Einzelne selbst verantwortlich ist.


Die Figuren Karl Schönherrs sind merkwürdig namenlos, weshalb hier von dem Weib, dem Mann und dem (Grenz-)Jäger gesprochen wird. Der Mann und sein Weib leben weit oben über dem Dorf in ihrem Haus, von dem aus der Mann Schmuggel betreibt. Zu Anfang versprühen die beiden eine gewisse Zufriedenheit, denn durch die illegalen Machenschaften des Mannes scheint der Traum von einem teuren Haus am Dorfplatz zum Greifen nahe zu sein. Gerade da, wie könnte es anders sein, entschließt der Kommandant des neuen Grenzjägers, dass das Treiben des Mannes unterbunden gehört – die leichteste Art und Weise, dies zu bewerkstelligen, ist für ihn der Weg über das Weib:
Der Jäger soll es verführen und gegen seinen eigenen Mann aufhetzen. Als dieser jedoch von diesen Plänen Wind bekommt, überredet er sein Weib dazu, dem Jäger doch schöne Augen zu machen, während er die Schmuggelware aus dem Haus schafft. Mit dem Auftauchen des Jägers scheint sich das Weib zu verändern: Wirkte es zu Beginn der Geschichte so, als habe sie sich mit ihrem Leben bereits abgefunden, flammt mit dem Auftauchen des Jägers plötzlich ein Begehren in ihr auf. Als ihr Mann sie auf diese Veränderung anspricht und betont, dass ihm fast das Fürchten vor ihr kommt, erwidert sie:

 

„Bis jetzt bin i nur so ein leerer Teigbatzen g’wesen; aber jetzt ist im Teig Hefe drin. Mir scheint, jetzt geh ich erst auf!“

 

Die beiden Herren verkörpern grundsätzlich zwei Extreme: Der Mann ist klug, dafür körperlich angeschlagen und kränklich; der Jäger hingegen ist körperlich und kräftig, allerdings auch dümmlich. Diese Mängel macht sich das Weib zu nutzen: Sie wirft ihrem Mann mehrmals vor, körperlich zu kurz gekommen zu sein, was ihn immer mehr in Rage versetzt und in weiterer Folge aus seiner kühlen Ratio herausreißt. Und auch die Körperlichkeit des Jägers manipuliert das Weib gezielt: Anstatt sich verführen zu lassen, wickelt sie ihn um den kleinen Finger und macht damit die ursprünglichen Pläne des Kommandanten zunichte. Und als das Weib schließlich damit herausrückt, dass es sich vom Jäger den Mord an dem eigenen Mann erwartet, kann es ihm sogar einreden, dass er selbst auf diese Idee gekommen ist.
Für das Weib ist ihr Mann nur ein notwendiges Übel, der Jäger ein Mittel zum Zweck. In diesen Umständen fußt die zuvor angesprochene selbstverschuldete Tragik der Figuren: Sie betrachten und behandeln einander nicht wie vollwertige Menschen, sondern wie oberflächliche Teilaspekte.

Spätestens ab der Mitte des Stückes scheinen die Männer tatsächlich keinen bzw. kaum noch Spielraum zu haben – Sie bemerken das freilich nicht. Stattdessen verhandeln sie weiter über den Kopf des Weibs hinweg, als wäre es Luft – und das ist der Fehler, der ihnen den Ruin bringt: Sie unterschätzen das Weib gewaltig. Durch die gezielte Manipulation ihres Mannes und des Jägers endet es wie geplant: Der Mann wird von dem Jäger ermordet und dieser kommt für seine Tat ins Gefängnis. Von den Männern, die versuchten sie zu instrumentalisieren, hat sich das Weib nun befreit. Das Ende ist bittersüß.

Die Bühne ist mit Wänden umrundet, die sich aus dünnen schwarzen Stoffstreifen zusammensetzen, die so dicht aneinander liegen, dass man nicht hinter sie blicken kann. Immer wieder wird dies durchaus kreativ, sprich nicht nur für den Auf- und Abgang von Figuren genutzt. Beispielweise als dem Mann das – wohlgemerkt von ihm erbotene – Flirten seiner Frau mit dem Jäger zu viel wird und er deshalb versucht, mit den Händen seine Frau festzuhalten. Ein anderes Mal bereden sich die Frau und der Jäger, der lange Zeit nicht auf die Bühne tritt, sondern nur mit Hilfe seiner Hände den Körper der Frau zu erforscht. In beiden Fällen sehen die Hände aus als wären sie nicht Teil eines Menschen, sodass die Handlungen von den Figuren losgelöst und fast für sich alleine stehen: Der Fokus wird auf die Triebe – die Eifersucht, das Begehren – gerichtet, die in diesen Momenten die Männer zu überwältigen drohen.

Die dreiköpfige Besetzung ist gut aufeinander abgestimmt und die Schauspieler*innen überzeugen in ihren Rollen: Der schwächliche Schmuggler, dessen Messer kaum noch kleiner sein könnte; der hitzköpfige Jäger, der sich einem Tanzbär gleich dressieren lässt; das Weib, das vom Püppchen zur Puppenspielerin wird – Sie alle kommen beim Publikum an, wie sie es sollen: Die Männer wie Archetypen, die aufgrund ihrer Fehleinschätzung ihrem eigenen Untergang Tür und Tor öffnen; das Weib wie ein Opfer, das in seiner Not selbst zur Täterin wird.
Und abgesehen davon: Wer ohne Pause 1 Stunde und 40 Minuten durchspielt, verdient größten Respekt.

TL; DR: Das Stück erzählt eine emanzipatorische Geschichte, die man sich vermutlich nicht als Vorbild für das eigene Leben nehmen sollte, aber dennoch zum Nachdenken anregt. Die Schauspieler überzeugen in ihren Rollen.


Der Weibsteufel von Karl Schönherr

Das Weib: Katrin Grumeth

Ihr Mann: Lukas Holzhausen

Ein junger Grenzjäger: Christian Clauß

Regie: Christina Rast

Bühne: Christina Rast, Stella Krausz

Kostüme: Werner Fritz

Musik: Felix Müller-Wrobel

Dramaturgie: Michael Isenberg

Regieassistenz, Soufflage, Inspizienz: Elisabeth Balog, Hannah Gehmacher

Bühnenbild- und Kostümassistenz: Milena Johanna Forster


Fotorechte: (c) Alexi Pelekanos / Volkstheater

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