Oh, du liebes Österreich, alles ist hin!

Altes Rathaus /// 04. Oktober 2019 /// Von blühenden Zitronen und glühenden Kanonen

Zwischen Utopie und Dystopie: Eine konzertante Bestandsaufnahme eines Landes im Faschismus, im Radikalismus, im Hier und Jetzt. Drei junge Komponisten (ja, nur Männer!) reflektieren die Vergangenheit wie auch den Status Quo und schaffen Klangwelten, die zu träumen und zu hoffen wagen.


Das brillante Hedenborg Trio (Cello, Klavier, Violine) bringt musikalische Werke in den barocken Saal des alten Rathauses. Liebe und Hass zur „Heimat“ – und vor allem in einer Zeit, die den Begriff ins rechte Eck gerückt und für viele unverwendbar gemacht hat – verbinden die so unterschiedlichen Stücke. Zwischen Uraufführungen zeitgenössischer Kompositionen von Philipp Manuel Gutmann (*1993), Oskar Gigele (*1994) und Daniel Castoral (*1993) mischen sich Werke von Fritz Kreisler und Hans Gál. Künstler, die während des zweiten Weltkriegs verfolgt und aus Wien vertrieben wurden. Künstler, deren Kunst als entartet und der „Heimat“ nicht würdig angesehen wurde. Weshalb die nostalgische Liebe zu Österreich in den so wienerisch charmanten (Heurigen)-Melodien umso bitterer nachklingt. Nicht zuletzt in den Klängen des Ohrwurms Oh, du lieber Augustin.

Repetitiv und bebend schafft Gutmann mit seinem Stück ein Land, das man – bestehe die Chance – doch lieber freiwillig verlassen würde. Meisterlich pulsieren die Klangfolgen, wie der Heimat“-Boden nach unzähligen Bomben. Denn, selbst wenn Du das Land nicht kennst, wirst Du es kennenlernen. So skizziert Erich Kästner in seinem der Komposition zugrunde liegenden Gedicht Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn? die gesellschaftliche Stimmung der Zwischenkriegszeit.

Dass Radikalität nicht laut und hart sein muss, zeigt Oskar Gigele in seinem musikalischen Nachruf an seine Oma. 2018 verstorben, war Elfi Potyka Zeitzeugin des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit. Ihre Frustrationen und Hoffnungen widerspiegelt Gigele in sechs Sätzen. Die Flageolettöne und Glissandi laufen im Wechselspiel zwischen den Streichern. Ein Gespräch zwischen Violine und Cello. Ein Gespräch zwischen Oskar und Oma, das nicht nur Zuhörer_innen hinaus aus dem Konzertsaal ins großelterliche Wohnzimmer trägt, sondern auch unglaublich berührende, teils lustige Erinnerungen verbildlicht und Dichotomien im Damals und im Heute aufbricht.

Daniel Castorals Phantasie über Status Quo positioniert Cello und Violine diagonal zu einander im Raum. Tonfolgen spannen einen Bogen entlang der Diagonale, bis die Musiker (ja, auch nur Männer!) aufeinander zu und in die Mitte der Bühne wandern. Tranceartig nähern sie sich und schaffen so ein vibrierendes Klangmosaik, das eine splitterhafte Phantasie über den Status Quo darlegt.

Fazit: Ein konzertanter Kommentar, der Österreichs Vergangenheit der Aktualität gegenüberstellt und aufzeigt, dass selbst wenn alles hin ist – ob in Schutt und Asche oder türkis-blauer Stimmungslage – Heimat nicht vereinnahmt werden darf.


Von blühenden Zitronen und glühenden Kanonen
Hedenborg Trio
Violine: Wilfried Kazuki Hedenborg
Violoncello: Bernhard Naoki Hedenborg
Klavier: Julian Yo Hedenborg
Fritz Kreisler: Schön Rosmarin, Liebesfreud, Liebesleid
Philipp Manuel Gutmann: „Kennst Du das Land…“ (UA)
Oskar Gigele: Klaviertrio Nr. 1 – Suite des Souvenirs (UA)
Daniel Castoral: Phantasie über Status Quo (UA)
Hans Gál: Variationen über eine Wiener Heurigenmelodie


Foto © Klara Kostal

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