Hypergacki und gute Musik gegen prüden Konservatismus

Wiener Festwochen /// 24.-26. Mai 2018 /// HYPERREALITY Festival for Club Culture

Das Drittschönste am Festwochen-Festival für Klubkultur „Hyperreality“ ist Samir H. Köcks Kritik desselben in der Tageszeitung „Die Presse“. – Ein Blick auf das hippe Partywochenende von einer Theaterkritikerin, die nicht weiß, was „Dystopian Avant Pop“ heißen soll, große Freude an der neuen Protestform des Behauptens hat und prüde Kategorisierungssehnsucht ziemlich Gestern findet.


Im Programmheft zu HYPERREALITY schreibt Musikkurations-Ikone Marlene Engel: „Club [ist ein] paradigmenfreie[r] Möglichkeitsraum, in dem Begriffe wie Gender, Sexualität und Hautfarbe in ihren festgelegten Bedeutungen infrage gestellt werden“.

Ich bin Theaterkritikerin, hab große Freude an guter Musik, bin aber in keinem Fall Expertin für Genre oder wasauchimmer. Am HYPERREALITY schätze ich die gute Stimmung, die keine Form von Diskriminierung akzeptiert und alle Arten von Selbstbestimmung und Selbstliebe feiert.

Aktuelle Formen des Widerstands gegen welt- und gesellschaftszersetzendes Schachteldenken fordern Veränderung beiläufig – indem sie in ihrem beschränkten Raum einfach neue Regeln setzen. Das ist wahnsinnig befreiend, empowernd und zT berührend schön.

Witzig finde ich also, dass Samir H. Köck – seines Zeichens Kulturredakteur der österreichichen Tageszeitung DIE PRESSE – die Protestform als „feig“ bezeichnet. Er sehnt sich nach dem alten, bekannten Underground, der schlecht gelaunt, bissl versifft, wütend gegen Wände tritt und ACAB declamiert.

„Ich habe keine Lust mehr, mich in dieser beschissenen Welt auch noch scheiße zu fühlen.“ (Notiz 1 in meinem Notizbuch)

Lieber suche ich gute Leute, die gern gemeinsam cooles Neues schaffen. Gottseidank bin ich mit dieser Meinung nicht alleine. Für Menschen wie uns war das HYPERREALITY konzipiert. Wir haben uns gefeiert und für drei Tage einen mentalen und physischen Raum geschaffen, an dem alles gut ist.

Ich hätte so gern, dass das alles normal ist: Diversität, Solidarität, Community, Hypergacki.

Alleine schon ohne die exzellente Musikauswahl des intensiven, sehr gut geplanten und hervorragend durchgeführten Wochenendes mit in Rechnung zu stellen, ist es Engel und ihrem Team gelungen, einen Ort zu verwirklichen, an dem Menschen, die von einer normativitätssüchtigen, rechts-konservativen Gesellschaft marginalisiert würden, eine geile Zeit verbringen. Das Revolutionäre an dem gemeinsamen Feiern, an der Normalisierung sozialen, solidarischen Liberalismus scheint an der konservativen Presse vorbeizuschweben, aber, dass der Kontakt einer konservativen Kulturrezension mit Thesen, wie den von Engel vertretenen stattgefunden hat, freut mich.

 

Hypergacki meets FAKA #hyperreality #hyperloo

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Wenn das drittschönste am HYPERREALITY ist, dass sich die prüde Kulturkritik mit der selbstbewussten #selflove-Position des neuen, queeren „Undergrounds“ beschäftigen muss, ist das zweitschönste, dass so viele coole Leute an einem Ort versammelt waren und dieser Ort in Wien war.

„Es ist allein so entspannend, das Publikum anzusehen. Die Unterschiedlichkeiten, die positiven Ausdrucksformen. Alle schauen so gut aus!“ (Notiz 2 in meinem Notizbuch)

Das beste am HYPERREALITY war die Musik, die in einer absolut positiven, offenen Atmosphäre stattgefunden hat. Ich hab schon bei FAUNA (1. gig 1. tag) mein T-Shirt durchgeschwitzt und *musste* eines der coolen Merch-Shirts kaufen.

Danke, Lichttechnik! Danke, Videopeops! Danke, Nebelmaschine! Danke, Sound! Danke an die österreichischen Steuerzahler_innen (inkl. me), die die Reisekosten und Honorare und alles gezahlt haben, damit mein Bier normale 4€ kosten konnte und der Eintrittspreis so gut war. Danke an den extrem netten, smoothen Publikumsdienst. Danke, Marlene Engel (auch fürs Hypergacki). Danke, Wiener Festwochen!


Foto: Kelela (c) Dicko Chan.

Hyperreality

 

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