Hinter jedem Rätsel steht das Ende

Gösserhallen /// 07. Juni 2019 /// Le Metope del Partenone
Der Regisseur Romeo Castellucci vermischt die Bühnenrealität mit unserem Alltag und kreiert dabei einen Raum, der uns in eine Handlungsstarre versetzt, die entgegen unserem Impuls zu helfen verläuft.


Drei Personen in weißem Labormantel schütten Blut auf eine am Boden liegende Frau. Mit präzisen Handgriffen erschaffen sie den Schauplatz, jedes Detail hat zu stimmen. Die Blutströme dürfen sich nicht falsch ergießen. Kaum verlassen die Erschaffer_innen dieser Szene den Raum, beginnt die Frau, sich ihrer Verletzung bewusst zu werden. Vor Schmerzen wimmernd windet sie sich in ihrem Blut, das Publikum, sich des Schauspielakts bewusst, beobachtet aus einiger Entfernung den Kampf, der bald von einem Einsatzfahrzeug der Wiener Rettung übernommen wird. Trotz der Hilfe der Sanitäter_innen stirbt die Frau.

„Wer bin ich?“

Die Leinwand fragt und wir stehen ihr ratlos gegenüber. Dem zuvor projizierten Rätsel haben wir keine Antwort entgegenzusetzen. Stattdessen steht unsere, vom Rettungsteam zurückgelassene, Leiche auf und stellt sich unter die Projektionsfläche, wo wir auch die Antwort erfahren. Eine Verbindung zwischen Rätsel und Performance ergibt sich nicht direkt. Die auf Authentizität pochende Aufführung ist zu offensichtlich inszeniert, bereits bei dem zweiten Tod tritt ein Gewöhnungseffekt beim Publikum ein, welches bald in unterschiedlicher Weise zu reagieren beginnt.

Wir sehen sechs Personen zu, wie sie mit ihren schweren Verletzungen umgehen. Dabei scheint ein statistischer Wert der häufigsten Verletzungen mit Todesfolge gewählt zu sein. Die Unfälle, zu denen ich jetzt den Herzinfarkt rechne, finden alle in einer Wohlstandsgesellschaft statt, die schnell und präzise auf diese reagiert. Kriegsverletzungen sind nicht vertreten. Spannend ist hier mehr, wie das Publikum mit dem Präsentiertem umgeht.

Auf das erste Blutbad wird noch mit theaterspezifischer Ehrfurcht reagiert, bei der zweiten Person tritt das Publikum schon deutlich näher. Übersprungshandlungen ergeben sich, eine Person lacht, andere machen Witze oder beginnen, sich laut zu unterhalten. Der Aufführungscharakter verliert sich kurzzeitig beinahe. Die Zuseher_innen kommen immer näher, beim vierten und fünften Tod sitzen manche schon ganz nahe bei den Opfern und beobachten die eingespielten Handgriffe der Sanitäter_innen. Wer schon immer zusehen wollte, heute ist die Gelegenheit dazu, ohne sich des Voyeurismus’ schuldig zu machen. Die Schreie sitzen allerdings noch nach dem fünften Mal tief. Unser Instinkt will helfen, dem als Schauspieler_in bereits Identifizierten zur Hilfe eilen. An einem Punkt zieht bei jedem Tod die Realität ein. Die dünne Wand zwischen Wirklichkeit und Schauspiel, so plakativ es auch dargestellt wird, bricht und der Wunsch nach Rettung ist groß.

Diese ist immer schnell vor Ort, niemand im Publikum muss tätig werden. Die immer näher kommenden Zuseher_innen werden durch die Sanitäter_innen fortlaufend aus ihren Betrachterposition vertrieben, das Stück will in Bewegung sein.

Fazit: Wir alle sind, ganz offensichtlich, sterblich. Unsere Menschlichkeit erfahren wir aber nicht nur über unsere Vergänglichkeit, unser innerstes Bedürfnis zu helfen erst lässt uns unser Menschsein erfahren. Gleichzeitig erfahren wir, wie privilegiert wir alle sind, in unserem System der Rettung, unserem Beistand im Tod. Ein_e jede_r findet eine Geschichte für sich in diesem Stück, unmöglich zu sagen, wie diese aussehen wird. Ich sage: Geht und schaut.


LE METOPE DEL PARTENONE
Konzept, Regie Romeo Castellucci
Text Claudia Castellucci
Künstlerische Zusammenarbeit Silvia Costa
Special Effects, Make-up Giovanna Amoroso, Istvan Zimmermann, Plastikart Studio
Mit Silvia Costa, Dirk Glodde, Zoe Hutmacher, Liliana Kosarenko, Maximilian Reichert, Sergio Scarlatella
Rettungsteam Wiener Rotes Kreuz Florian Deltl, Matthias Granner, Jakob Heinrich, Teresa Lindmayr, Elena Möschter, David Neumayer, Nikolaus Pfleger, Verena Posch, Albert Reiter
Mit Musik von Alexander Knaifel (Blazhenstva)
Koproduktion Theater Basel, La Vilette (Paris), Festival d’Automne (Paris)
In Zusammenarbeit mit Societas


Fotos: © Guido Mencari, Paris

Mehr Informationen hier: https://www.festwochen.at/en/programme/programme/detail/le-metope-del-partenone/.

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