Ballaballa

Schauspielhaus Wien /// 19.12.2020 /// Am Ball. Der Film.

Am 29. Januar 2021 findet der Wiener Akademikerball, also das alljährliche Treffen der deutschnationalen schlagenden Burschenschaften statt. Clara Liepsch führt als zynisch überzogene Berichterstatterin mit zurückgegelten Haaren, ruckartigen Gesten und wahnsinnigem Blick durch den Abend, der sich nach und nach in ein Horrorszenario verwandelt. 


In einem ekstatischen Monolog durchläuft Clara Liepsch im Stil einer Disney-Bösewichtin mit ausladenden Gesten den Akademikerball, mit dem sie dabei auf ganzer Linie abrechnet. Unterbrochen durch kurze Würgeanfälle begleitet sie als Reporterin voll triefendem Sarkasmus eine junge Frau bei ihrem Ballbesuch, der sich nach und nach in einen Gewaltexzess verwandelt. Dabei bewegt sie sich in ihrer Erzählung durch die sieben Räume des Balls, von der Feststiege bis zum Raucher*innenkeller. Im Film durchschreitet sie dabei verschiedene Rauminstallationen, in denen Gliedmaßen immer gleicher, weißer Schaufensterpuppen Projektionen des echten Balls oder ein Ball-Paar, symbolisiert durch überdimensionale Plastiken eines Stückes Fleisch und eines Penis, bestaunen. Angefangen beim Festwichs (=Festkleidung) der Männer, arbeitet sie sich zunächst durch das elitär Rechtskonservative des FPÖ-Balls (also so ziemlich alles), um dann freudig aufgeladen einen gemeinsamen kollektiven Tod der anwesenden Gäste zu beschreiben, ehe sie in den nächsten Raum weiter schreitet. 

Regisseurin Evy Schubert entwickelt aus Lydia Haiders Stück eine extravagante Gewaltfantasie, mit der sie der rechtskonservativen Elite auf der Bühne ein eindrucksvolles Ende bereitet. Mit den detailliert splatterhaften Visualisierungen  des kollektiven Gästesterbens nimmt sie den Abgang der alteingesessenen weißen Privilegien und Machtstrukturen vorweg. 

Sie verbindet dabei Film, Theater, Installation und den klaren Protest gegen den Wiener Akademikerball auf beeindruckende Weise, sodass das Stück als Teil einer politischen Aktion betrachtet werden muss. Dabei steht es einerseits in einer Reihe mit den Demonstrationen, die das rechte Event von Anfang an begleiten und andererseits im Rahmen des noch größeren, noch multimedialeren Projekts Schuberts, das aus einer Website (Weltheimat (ballaballa.solutions)), einem Instagram-Account, einer Plakataktion im Januar und einer “besonderen Ausgabe” des Projekts am 29. Januar, dem geplanten Termin des Akademikerballs 2021, besteht. Das Stück macht so richtig Spaß, wenn man sich auch mit dem umfassenden Konzept und den Fotomontagen und Videoclips der Website beschäftigt, dennoch ist allein der mitreißende Monolog Liepschs auch ohne das restliche Projekt auf jeden Fall lohnenswert. Ansehen unter: Schauspielhaus Wien – Produktion Detail


AM BALL. DER FILM

Von Lydia Haider

Co-Autorin Esther Straganz

Uraufführung

Besetzung: Clara Liepsch | Autorin: Lydia Haider | Co-Autorin: Esther Straganz | Regie: Evy Schubert | Bühne und Kostüme: Maria Strauch | Musik: Micha Kaplan | Kamera: Patrick Wally | Assistent Kamera: Manuel Bader | Schnitt: Dominic Kubisch | Dramaturgie: Lucie Ortmann | Licht: Oliver Mathias Kratochwill | Ton: Benjamin Bauer | Regieassistenz: Christina Ulrich

Mehr Informationen hier: Schauspielhaus Wien – Produktion Detail

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