Der Wiederholung bekannter Töne

Theater Nestroyhof / Hamakom /// 10. März 2020 /// Bier

Das Theaterstück Bier ist eine Reise zu den Alltagsrassismen, die viele bereits für überwunden glaubten, aber von einem Bierfass lässt sich noch einiges lernen. 


In der Mitte des Theaterraums steht ein runder Tresen, die Sitzgelegenheiten sind um den Tresen herum verteilt, alle Zuseher*innen erhalten von einer*einem Schauspieler*in eine Bierdose beim Eintritt. Das Stück spielt in einem Wirtshaus, zwei der Schauspieler*innen lehnen am Tresen und die Stimmung ist locker, die Besucher*innen trinken Bier und plaudern unbefangen weiter, bis plötzlich ein weiterer Schauspieler auf dem Dach des Tresen erscheint. Er ist das Bierfass, welches durch einen Blitzschlag beseelt nicht nur sprechen kann, sondern auch von sich behauptet, allwissend zu sein. 

In weiterer Folge werden Personen aus dem Publikum gebeten, rassistische Argumente vorzulesen, die legitimieren sollen, warum bestimmte Wörter immer noch gesagt werden dürfen.Dabei wird das N-Wort bedient, eine noch immer nicht überwundene, sprachliche Gewalt gegen Personen mit schwarzer Hautfarbe, die anscheinend nicht fehlen kann in einem Stück über Rassismus. Die Benennung weist auf vergangene Verletzungen hin, die wir (weiße mitteleuropäische Theaterbesuchende) als überwunden glauben, aber in dieser Annahme werden wir schnell eines besseren belehrt. Die Stimmung wird immer bedrückter und, bevor sie ganz bricht, kommt es zum Wechsel – es gibt Karaoke. Der Großteil des Publikums singt mit und kurz erinnert alles an Apres-Ski und Hüttengaudi, bevor das Bierfass wieder mit seinen unbequemen Wahrheiten beginnt. 

In einem performativen Akt werden dann vier Lebensmittel-/Genussartikel, deren Eigenname noch immer auf den rassistischen Diskurs verweist, von einer*m Schauspieler*in gegessen und getrunken. Den*die Schauspieler*in würgt es bald und das Publikum würgt es ebenfalls. Die Grenzüberschreitung am Körper als Spiegelbild für die Grenzübertretungen, die wir Privilegierten täglich mit unserer Einkaufsentscheidungen begehen, unbedacht, da wir von diesen Diskriminierungen nicht betroffen sind. Die Allwissenheit des Bierfass beschränkt sich dabei auf das Wissen der Anwesenden, dass Bierfass weiß nicht mehr, es kennt nur alle Ausreden und Ausflüchte einer Mittelschicht, zu denen sich die meisten Theaterbesucher*innen zählen können. Die vielen kleinen Entschuldigungen, die wir für uns erfinden, um nicht die moralisch wertvolle Handlung zu setzen, da diese unseren persönlichen Luxus einschränken würde, werden vorgeführt. Das Weglachen des unangenehmen Gefühls wird immer schwieriger. 

Fazit: Vom Publikum wird ein hohes Maß an Selbstreflexion und Auseinandersetzung mit dem Diskurs verlangt, dabei spricht das Theaterstück eine spezifische Gruppe an, die überwiegend einsichtig ist, und lässt andere unverständig zurück, die der Thematik neu gegenüberstehen. 


BIER
von Leon Engler

Eine Produktion von Neues Theater Wien in Kooperation mit dem Theater Nestroyhof Hamakom.

Regie: Michael Schlecht | Dramaturgie: Gwendolin Lehnerer | Bühne: Gabriel Schnetzer | Video: Emanuel Megersa | Produktion: Christiani Wetter | Regieassistenz: Luca Perfahl | Bühnenbildassistenz: Manuel Lindemann | Schauspiel: Anna Kramer, Virginia V. Hartmann, Régis Mainka und Alexandru Cosarca 

Mehr Informationen hier: https://www.hamakom.at/bier


Fotos: ©  Emanuel Megersa

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