Unsere Angst ist bei uns sicher

Theater Drachengasse /// 02.März 2020 /// Der öffentliche Raum

Sicherheitswahn, Überwachung, politische Konfrontation – das Theater Drachengasse inszeniert Ulrike Syhas preisgekrönten Text “Der öffentliche Raum” über die Abgründe der Internetnutzung.


In Herr und Frau Markovics´ Leben hat sich in letzter Zeit einiges verändert: Nach einer Konfrontation mit einem geistig verwirrten Attentäter ist er von einem Sicherheitswahn besessen. Seine Frau wiederum verbringt nach ihrer Beurlaubung ihre Nächte in Online Foren. Als er von seiner Chefin zur Teilnahme an einem ominösen Club eingeladen wird und sie im echten Leben von einem ihr zuvor unbekannten Foren User verfolgt wird, müssen sie sich mit der Überwachung in der digitalen Welt auseinandersetzen.

Bei Eintritt wird das Publikum in zwei Gruppen geteilt: Während eine wie gewohnt im Zuschauer*innenraum vor der Bühne Platz nehmen darf, wird die zweite durch einen Hintereingang zur Spielfläche geführt. Diese ist durch eine Wand geteilt, sodass jede Gruppe nur eine Hälfte zu sehen bekommt. Die Dialoge finden immer im Wechsel auf einer der beiden Seiten statt, das Publikum hinter der Mauer kann dem Geschehen nur zuhören.

Die Abfolge der Gespräche ist so perfekt inszeniert, dass es zu keinen Überschneidungen beim Sprechen kommt und somit keine Seite einen Teil verpasst. Es ist zwar herausfordernd, einem Gespräch nur auditiv ohne das dazugehörige Bild zu folgen – genau dies aber repräsentiert unsere Kommunikation im “öffentlichen Raum” des Internets: Wir nehmen nur Äußerungen wahr, ohne uns ein Bild von dem*der Sprecher*in machen zu können. Dies kann unsere Interpretation des Gesprächsinhalts verzerren.

Auf der Zwischenwand kommt ein Internet Bot (ein automatisches Computerprogramm) zu Sprache, dessen Gestalt Saurons Auge aus Herr der Ringe gleicht. Der Bot wendet sich direkt an das Publikum, um es mit seiner unreflektierten Internetnutzung zu konfrontieren. Unterstrichen wird dies durch die schmerzhafte artifizielle Stimme.

Insgesamt bleibt die politische Dimension des Missbrauchs der digitalen Möglichkeiten jedoch zu kurz. Einerseits sind die Botschaften des Bots inhaltlich so dicht, dass sie schwer fassbar werden oder Emotionen auslösen, andererseits wird die Geschichte so individualisiert erzählt, dass die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen nicht sichtbar werden. Der Zusammenhang aus dem dystopischen, bedrohlichen Sicherheitswahn, der durch die uniformierten Schauspieler*innen zu Beginn verkörpert wird, und der Handlung des Stückes bleibt ebenso unklar. Apropos Handlung: Die wird langsam aufgebaut, dementsprechend sehnt sich das Publikum nach dem Höhepunkt. Nach diesem geht die Auflösung jedoch viel zu schnell und unbefriedigend von statten.

Fazit: Innovativ inszeniertes Stück, dem es aber an der politischen Dimension eines brandaktuellen Themas fehlt.


DER ÖFFENTLICHE RAUM
von Ulrike Syha
Uraufführung, Eigenproduktion Theater Drachengasse

Regie: Sandra Schüddekopf | Bühne, Kostüme: Andrea Fischer |Video: Nela-Valentina Pichl | Musik, technischer Firlefanz, Sounddesign: Rupert Derschmidt | Regieassistenz: Juliane Aixner | Schauspiel Zeynep Buyraç, Thomas Kamper, Ylva Maj, Sebastian Thiers, Alexandra Maria Timmel

Mehr Informationen hier: http://drachengasse.at/aktuelleproduktionen_detail.asp?ID=877


Fotos: Andreas Friess

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