Was ‘spüt si da o’ bei den Wiener*innen?

Theater Nestroyhof /// 13. November 2019 /// ZECK! Eine Wiener Verwandlung

Die Namen sind gleich, die Grundstory passt ebenfalls, aber dennoch bleibt bei dieser Neugestaltung von Franz Kafkas ‘Die Verwandlung’ kein Stein auf dem anderen. Der kanonische Klassiker wird stattdessen in giftigen Wiener Sud getränkt.


Eine Alt-Wiener Familie: Der Vater ist ein arbeitsloser Säufer, die Mutter eine unglückliche Putzfrau, die Tochter eine erfolglose Malerin und der Sohn ein realitätsferner Fotograf ohne Aufträge, der gelegentlich kokst und ein fragwürdiges Verhältnis zu seiner Schwester pflegt. So wird die Familie Samsa mit musikalischer Untermalung präsentiert.

Kafkas “Verwandlung” hat schon so manch eine Interpretation durchlebt. Er ist ja auch dafür bekannt mit seinen Texten in der Regel mehr Fragen offen zu lassen, als er ansatzweise zu beantworten versucht. Fast schon euphorisch versuchten unzählige Köpfe somit die Geheimnisse hinter seinen Werken zu lüften: Birgt ‘Die Verwandlung’ einen frustrierten Kafka, einen vom Vater unterdrückten Kafka, oder doch einen Kafka mit Drang zur Selbstjustiz?

In ‘ZECK! Eine Wiener Verwandlung’ werden all diese Fragen kurz aufgegriffen und dann achtlos weggeworfen, um Platz für etwas Neues zu schaffen: Ist Kafkas ‘Verwandlung’ von Gregor Samsa einfach nur die Metamorphose von etwas innerlich Hässlichem zu etwas äußerlich und damit offenkundig Widerwärtigem?

Die Stück-interne Offenbarung von Gregors inzestuösem, verkorkstem Wesen wird allerdings noch von einer weiteren begleitet – der Wiener Offenbarung. Es wird gesudert, geraunzt, gesoffen, verdrängt und das alles mit einer charmanten ‘Wiener-Schnauze’. Das Stück bringt wirklich das Schlechteste der Wiener*innen zum Vorschein, aber leider nicht unbedingt auch das Entfernteste. Man stellt sich zwangsläufig die Frage: Sind wir wirklich alle Wiener Grantler*innen und Zeck-gleiche Blutsauger*innen? Oder zielt diese Wiener ‘Nach-Außen-Stülpung’ eher auf andere Instanzen ab, als auf die einzelnen Wiener*innen? – Wer ist hier der wahre Zeck?

So bleiben wohl auch in dieser Inszenierung nicht weniger Fragen offen, als sie das bei einer klassischen Kafka Inszenierung würden: Womit genau hat Gregor diese äußerliche Transformation verdient? Was passiert mit der Altwiener Familie? Kann sich Gregor vom ‘Zeck’ auch wieder zurückverwandeln, oder kommt jede Rettung zu spät? Welche Botschaft verbirgt sich hinter dem plötzlichen Ende?

Fazit: Zu Beginn sagte ich GE-tränkt und nicht ER-tränkt, denn so wie ich finde, steht Kafka’s Klassiker diese raue Wiener Haut recht gut. Es ist immer etwas wagemutig sich auf dem Gebiet der großen Namen zu bewegen, aber in diesem Fall ist es gelungen, denn auch ohne vielschichtige Interpretation war es ein wohldurchdachtes Stück.


ZECK! EINE WIENER VERWANDLUNG

Uraufführung einer Neuinterpretation von Franz Kafkas “Die Verwandlung” unter der Konsultativregie von Christoph Bochdansky

Schauspiel: Anna Hauf, Konrad Rennert, W.V. Wizlsperger | Musik: Hannes Löschel | Libretto: Peter Ahorner | Ausstattung: Simon Skrepek | Visuals: Johannes Novohradsky | Fotos: Markus Rössle | Gemälde: Raja Schwahn-Reichmann

Mehr Information hier: Klick!


Foto: © Johannes Novoradsky

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