Totgesagte sterben länger

WERK X /// 12. Dezember 2019 /// Die Arbeitersaga Teil 1

Die Sozialdemokratie ist tot, wer den Wahlergebnissen nicht glaubt, kommt ins WERK X. Denn hier findet schon in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Beschwörung des Endes statt.


Wien feiert hundert Jahre Sozialdemokratie und das WERK X unterstützt die Feierlichkeiten mit einer ganz eigenen Bearbeitung der gleichnamigen ORF-Produktion von 1985. Von den vier Folgen sind die ersten beiden am Donnerstag gezeigt worden. Die erste Folge unter der Inszenierung von Helmut Köpping beginnt 1945 und begleitet das Ehepaar Blaha, beide Sozialdemokrat*innen, bei den Vorbereitungen zu dem 1. Mai-Aufmarsch nach dem Krieg. Die Schauspieler*innen laufen auf der vollkommen leeren Bühne in roten Adidas Anzügen herum und proben unter lautem “Freundschaft” den Mai-Aufmarsch. Der Sohn der beiden, Rudi Blaha, ist das Bindeglied zur zweiten Folge. Inszeniert von Kurt Palm wird der inzwischen alte Rudi in seinem ehemaligen Jugendklub “Die rote Zukunft” gezeigt, wo er mit anderen Pensionist*innen über das Leben skandiert und sich eigentlich nur noch für Brigitte Bardot interessiert.

“Wann hat das angefangen schief zu gehen?”

Diese Frage beantworten beide Inszenierungen nicht, legen aber ihre Spekulationen in den Stücken an. Die letzten Wahlergebnisse der SPÖ werden hier zur notwendigen Bestätigung eines Prozesses, der schon nach dem Ende des 2. Weltkriegs begonnen hat. Die Partei zerfällt in den Händen von Opportunist*innen, Karrierist*innen und Lobbyist*innen, die Arbeiter*innen stehen dem Verfahren scheinbar machtlos gegenüber und ziehen sich zurück. Neuerungen werden abgelehnt, was sich symbolisch in der Diskussion über Tabu-Wörter zeigt. Längst abgelegte Zuschreibungen für indigene Völker, Inuit, Schwarze, Roma und Sinti werden in den Raum geworfen. Das Proletariat in seinem Bedürfnis nach Sprachkonsistenz auf der einen, eine junge Sozialdemokratin auf der anderen Seite und der Kampf um die Rechte der Arbeiter*innen kommt nicht mehr zur Sprache, da die Diskussion bereits an den einzelnen Worten scheitert.

Kurt Palms Bedürfnis, die Grenzen der politischen Korrektheit auszuloten, ermüdet mich ein wenig. Gewalt in der Sprache bleibt auch im Zitat noch Gewalt.

Fazit: Hin- und hergerissen. Der gewollte Bruch mit der politischen Korrektheit bestätigt am Ende wieder nur die Personen, die in ihrer Unbelehrbarkeit nicht noch weiter bestätigt werden müssen. Dennoch arbeiten beide Inszenierungen in unterschiedlicher Weise den kapitalistischen Einfluss in der Politik auf, sehr zur Erheiterung des Publikums.


DIE ARBEITERSAGA
von Peter Turrini und Rudi Palla
– in einer Bearbeitung des WERK X nach der gleichnamigen ORF-Produktion
– eine Produktion des WERK X in Koproduktion mit dem Klagenfurt Festival
– Uraufführung

Team Folge 1:
Inszenierung und Textfassung: Helmut Köppping | Bühne und Kostüm: Daniel Sommergruber | Dramaturgie: Kathrin Bielgik | Schauspiel: Julia Schranz, Susi Stach, Thomas Kolle, Johnny Mhanna, Peter Pertusini

Team Folge 2:
Inszenierung und Textfassung: Kurt Palm | Bühne und Kostüm: Michaela Mandel | Dramaturgie: Kathrin Bielgik | Schauspiel: Michaela Bilgeri, Erika Deutinger, Martina Spritzer, Florentin Groll, Karl Ferdinand Kratzl, „Der Arbeitersaga-Chor“

Mehr Informationen hier: https://werk-x.at/premieren/die-arbeitersaga/


Fotos: © Alexander Gotter

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