In sieben Streichen bist du tot…

Premiere: Ruhrfestspiele Recklinghausen /// 10.05.2019 /// Max und Moritz
Mitschnitt: Generalprobe Berliner Ensemble

Antú Romero Nunes inszeniert Wilhelm Buschs brutalen Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1865 als postdramatischen Theaterabend.


Max und Moritz: Als wären sie mithilfe eines besonders gelungenen Streichs aus dem zweidimensionalen Gefängnis der Buchseiten entwischt, stehen Stefanie Reinsperger und Annika Meier, optisch nahezu perfekte Abbilder der Originalfiguren, auf der Bühne. Unterstützt durch akustische Akzente und musikalische Einlagen unterhalten sie mittels Pantomime, Fantasiesprache und Slapstickeinlagen. Mit dem Auftritt des restlichen Ensembles nimmt der Abend zusätzlich an Fahrt auf.

Jede Pointe sitzt: Sascha Nathan als Witwe Bolte, die unter großem Aufwand einen Kontrabass zur Verkündung des ersten „Streiches“ anschleppt oder die Darsteller*innen, die sich wiederholt mit ihren privaten Vornamen ansprechen und Anweisungen geben. Besonders herausragend sind dabei die durch „Klick“-Ausrufe fotografisch aufgenommenen Tableaux Vivants, welche mithilfe von Auf-, Um- und Abbauten des gelungenen Bühnenbilds stets neue Nachbildungen der Originalillustrationen ergeben.

Einem anfangs äußerst unterhaltsamen und kurzweiligen Abend geht mit dem Auftritt des Schneiders Böck abrupt die Luft aus. Dies liegt jedoch nicht an Tilo Nests Schauspiel, sondern an der endlos vorgetragenen Tirade über Kunst, die an dieser Stelle schlichtweg deplatziert wirkt. Dem komplexen Text zu folgen, gestaltet sich ohnehin anspruchsvoll, wird jedoch durch Böcks Sprechweise zusätzlich erschwert: Das Hochziehen eines Mundwinkels verursacht undeutliche, phasenweise nahezu unverständliche S-Laute. Der dramaturgische Sinn dieses Regieeinfalls erschließt sich nicht, die Inszenierung verliert dadurch an Tempo und erreicht ihren Tiefpunkt.

Glücklicherweise folgt gleich darauf Constanze Becker als Lehrer Lämpel, der das Vorangegangene beinahe vergessen lässt. Über die eigene Figur reflektierend und referierend präsentiert er eine musikalische Schulaufführung, die von Max und Moritz in die Luft gesprengt wird. Im Anschluss stimmen die beiden zum Rap gegen Geschlechterrollen und die ihnen zugeschriebenen Idealkörperbilder an. Die Zuseher*innen werden dabei kurzerhand zu anarchischen Kompliz*innen: „Holt die Handys raus und macht die Displays an!“ wird man* im Theater so bald nicht mehr hören, geschweige denn tun dürfen.

Wie im Original gipfeln Max´ und Moritz´ Streiche schlussendlich in ihrer brutalen Ermordung, doch der Tathergang ist diesmal ein anderer: Die Dorfbewohner*innen nehmen kollektiv Rache für ihr erlittenes Leid. Sie locken die beiden in die Falle und lassen sie im Brotteig ersticken. Im tragischen Todeskampf appellieren Max und Moritz noch an das Publikum, doch ihre Hilferufe verhallen wirkungslos in den Weiten des Saals. Einzig zwei Engel (einer aus Leberkäse) zeigen Erbarmen und nehmen sich der beiden Kinder an.

Fazit: Die Inszenierung besticht vor allem mittels Witz und Energie sowie einer ausgezeichneten Ensembleleistung. Erwähnenswert ist zudem die Selbstverständlichkeit der geschlechterunabhängigen Besetzung. Ein (beinahe) rundum gelungener Theaterabend, der sowohl Komik als auch tiefgründigen Momenten Raum bietet und trotz manch kleiner Schwäche sehr überzeugt. Absolute Streamempfehlung!


MAX UND MORITZ. EINE BÖSEBUBENGESCHICHTE FÜR ERWACHSENE
nach Wilhelm Busch
Eine Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und dem Berliner Ensemble.

Schauspiel: Constanze Becker, Annika Meier, Sascha Nathan, Tilo Nest, Stefanie Reinsperger | Regie: Antú Romero Nunes | Bühne: Matthias Koch | Kostüme: Victoria Behr | Dramaturgie: Sabrina Zwach | Live-Musik: Carolina Bigge | Licht: Ulrich Eh | Musik: Johannes Hofmann

Dauer: 100 Minuten

Weitere Informationen zum Stück: Klick!
Stream: Klick!


Fotos: © JR Berliner Ensemble

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