Im Geiste des Amokläufers

Werk X Petersplatz /// 28. Oktober 2021 /// Herostrat

Spannend, pathetisch und brandaktuell: das Werk X bringt Sartres Erzählung „Herostrat“ erstmals in der Inszenierung Kai Krösches und mit Victoria Halper als einzige Darstellerin in der Rolle des Paul Hilbert auf die Bühne.


„I am the good guy.

I didn’t want this.

I wasn’t the one who struck first.

I didn’t start the war.

I am the true victim in all this.

I didn’t ask for this.“

Mit diesen Zitaten, projiziert auf eine vorderbühnisch durchsichtige Nylonwand,  startet das ausdrucksvolle Stück, über die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs entstandene Erzählung „Érostrate“ von Jean Paul Sartre.

Monate lang plant der Misanthrop Paul Hilbert in fiebrigem Wahn in seiner Wohnung in der Rue Delambre seinen Anschlag auf unschuldige Pariser am Place de Montaparnasse. Im innermonologisch prosaischen Stil performt Victoria Halper als einzige Darstellerin in der Rolle des Amokläufers in pathetisch ausdrucksstarker Form.

© Alexander Gotter

Das von Matthias Krische kreierte Bühnenbild ist in steril wirkendem Weiß gehalten. Inmitten der Szenerie ist eine Tafel angerichtet, die das bildliche Zentrum des Stücks darstellt. Die Tischgesellschaft, bestehend aus robotisch aussehenden Figuren ist um das steinern-wirkend bleiche Service versammelt. Jegliches Mobiliar ist, wie bei einer bereits als tot verstandenen Person, verhüllt, so als würde es den Untergang des Protagonisten vorausdeuten.

„Ich habe mir einen Revolver gekauft, seitdem geht alles besser.“

Im Hintergrund der Szenerie sind chorisch aufgestellte Skulpturen zu sehen. Als Paul Hilbert seinen Revolver, welcher sich sogleich als Kamera entpuppte, auf jene Standbilder richtet und dadurch seine Kamerasicht projiziert, sind ihre weiblichen Züge unschwer zu erkennen. In phallischer Inszenierung erweist sich der ‚Revolver‘ als Ausgeburt der toxischen Männlichkeit, doch durch die Verkörperung des Protagonisten durch Victoria Halper wird diese im Stück konterkariert.

Die Misogynie des Paul Hilbert wird auch in einer Szene erkennbar, in der er alleinig zum Zwecke der Ausübung seiner Dominanz eine Prostituierte in demütigender Form für sich ‚tanzen‘ lässt. Die Inszenierung von Kai Krösche zeugt von einer pragmatischen Sensibilität, wenn er zur Verdeutlichung dieser frauenfeindlichen Szene keine weiteren Schauspieler*innen einsetzt. Die Prostituierte wird durch eine am Tisch sitzende Puppe, die erst von Hilbert während des Stückes mittels eines Lippenstiftes als „Renée“ kreiert wird, verkörpert.

© Alexander Gotter

In einem Gespräch mit seinen Arbeitskollegen spitzt sich Hilberts Wahn zu. Die Arbeitskollegen, die mittels comichaften Projektionen auf die Bühne geholt werden, besprechen mit ihm die Bedeutung des „schwarzen Heldens“, also eines sich an ‚schwarzer‘ Magie bedienenden Übermenschen. Einer dieser Kollegen erzählt die Geschichte des Herostratos, der im Jahre 350 v. Chr. den Tempel der Artemis in Ephesos niedergebrannt hat. Die Geltungsmacht dieser Tat wird in dem Sinne deutlich, als dass sich die Geschichtsschreibung nur an den Brandstifter und nicht an den Architekten des antiken Gebäudes erinnert. Von hier an, so scheint es, setzt sich Paul jenen Frevel zum Vorbild.

Die als Stück inszenierte Erzählung von Sartre hat auch heute noch gesellschaftliche Relevanz, besonders auch in Anbetracht dessen, dass die Premiere beinahe zeitgleich zum Gedenktag des Anschlages in Wien stattgefunden hat. Auch weltweit gesehen leiden Menschen immer noch unter der Ausgeburt patriarchaler Gewalt, die sich in Gewaltverbrechen, Femiziden oder Kriegen äußert. Kai Krösches Inszenierung und Victoria Halpers Spiel nehmen diese Problematik auf scharfsinnige Weise auf und bringen sie in kompakter Form auf die Bühne. 


HEROSTRAT
nach Jean-Paul Sartre – Deutsch von Uli Aumüller

Regie: Kai Krösche | Performance: Victoria Halper | Raum: Matthias Krische | Projektionen: Matthias Krische, Kai Krösche | Produktionsleitung: Armin Kirchner | Outside Eye: Phillip Ehmann |


Mehr Informationen hier:
HEROSTRAT – WERK X (werk-x.at)

Fotos: © Alexander Gotter

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