Die selbstgeschaffene Unvollkommenheit… oder: I started a joke which started the whole world crying

Kosmos Theater – online /// 18. Februar 2021 /// Fight Club Fantasy

Schlagende Männervereine kennt man* in Österreich ja zur Genüge. Fight Club Fantasy legt den Fokus jedoch auf das amerikanische Spielfeld und bettet das Ganze in eine aktuelle Gesellschaftskritik gegenüber toxischer Männlichkeit.


Anna Laner (Dramaturgie) und Matthias Köhler (Regie) wagen sich an die Dekonstruktion des Romans „Fight Club“ von Chuck Palahniuk heran, der in den 90er Jahren zu einem Kultfilm verfilmt wurde. Sie lenken den Blick weg vom Krankheitsbild des Protagonisten, hin zu Männerphantasien in Kombination mit Gewalt. Anspielungen auf den Ansturm des Capitols oder Zitate aus Old Right Foren schmücken das Geschehen und bilden eine treffend überspitzte Stimmung. Das Publikum wird dabei immer wieder zum Mitmachen motiviert, egal ob durch eine gemeinsame Meditation zu Beginn oder durch die Karaoke Version von „I Started a Joke“ am Ende des Stücks. Unterbewusst lässt das an die Vorgehensweise von Sekten erinnern. Was sich auch durch die eindrucksvolle Kostümentwicklung der Figur Tylor Durden (hervorragend dargestellt von Thomas Frank) ausdrückt. Am Höhepunkt der Gewalteuphorie steht er im Priesterumhang da und predigt von Waffen und vom Umsturz des Systems im Projekt Chaos. Dieses Projekt Chaos soll vom Fight Club, einem reinen Männerverein mit Zweikampfverpflichtung und unzähligen Regeln zur Unterdrückung der eigenen Mündigkeit, vollzogen werden.


Frauen werden im Text immer wieder als Ursprung der männlichen Wut genannt, denn

„was man im Fight Club trifft, ist eine Generation von Männern, die von Frauen aufgezogen wurden.“

Auch Tylors Ausbruch aus der Realität wird mit der unterdrückten Liebe von Edward zu Mala begründet. Diese Schuldzuweisungen sind jedoch Dank Darstellerin Hanna Binder als starker Gegenpol (Prophetischer Pinguin oder schlagfertige Mala) erträglich. Am Ende ist es eine selbstgeschaffene Unvollkommenheit, wenn sich Männer ein paar Würstchen reichen und dabei den Zugang zu ihren Gefühlen verlieren. Die Abrechnung mit toxischen Männlichkeitsidealen wird letztendlich auf die eigene Kappe genommen.


Gekonnt setzt das Team von Fight Club Fantasy die Schnittstelle zwischen Theater und Film ein. Schnelle Schnitte und catchy Schrifteinzüge machen die Onlineversion kurzlebig und halten bei Laune. Die Kamera ist aktive Spielpartnerin. Mal werden durch ihre Linse die Zuschauerinnen angesprochen, mal wird sie sichtbar ins Bild geholt und zeigt den Wahn der Figur Edward Norton (Nicolas Streit), als dieser wie wild mit einer Kamera auf Stativ kämpft. Diese filmische Umsetzung schafft einen Mehrwert für das Stück. In der Zeit der Online Theaterabende eine willkommene Abwechslung.

Fazit: Im Gegensatz zum Kultfilm der 90er, zieht die Inszenierung die Coolness der Figur Tyler Durden ins Lächerliche und macht eine kritische Auseinandersetzung mit vorherrschenden Männlichkeitsstrukturen möglich. Ein gelungenes Stück, das die Zuschauerinnen mit der Frage zurücklässt, wie lange diese Kämpfe rund um toxische Männlichkeitsprinzipien noch gehen müssen.


FIGHT CLUB FANTASY

Nach dem Roman von Chuck Palahniuk, Uraufführung, Koproduktion wirgehenschonmalvor & Kosmos Theater

Regie: Matthias Köhler | Bühne: Thomas Garvie | Kostüme: Ran Chai Bar-ziv | Musik: Eva Jantschitsch | Dramaturgie: Anna Laner | Licht: Dulci Jan | Video/Schnitt: Jan Zischka | Ton: Robert Bastecky & Karl Börner | Produktionsleitung: Miriam Lesch | Regieassistenz: Elena Höbarth | Schauspiel: Hanna Binder, Thomas Frank, Nicolas Streit

Mehr Informationen hier: https://kosmostheater.at/produktion/fight-club-fantasy-2/


Fotos: © BETTINA FRENZEL

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