Oh weh, ein Zeh

Werk X Meidling /// 16. Oktober 2020 /// Dunkel lockende Welt

Eine halb verlassene Wohnung, ein menschlicher Zeh, Finnland und viele absurde, sprachlich brillante Gespräche bilden die Basis von “Dunkel lockende Welt”, ein Stück von Händl Klaus, das bei den Nestroypreisen als Beste Off-Produktion ausgezeichnet wurde.


Die Ärztin Corinna Schneider gibt vor ihrem Umzug von Leipzig nach Peru ihrem Vermieter Joachim die blank geputze Wohnung zurück. Sie kommen in ein langes Gespräch, währenddessen findet Joachim eine menschliche Zehe. Nach einem Intermezzo in München trifft Corinnas Mutter Mechthild in Leipzig ein, um den Zeh abzuholen. 

Auffällig an der Inszenierung ist der Umgang mit dem Aufhänger des großen Zehs. Als er zum ersten Mal erwähnt wird, ist er für das Publikum gar nicht sichtbar. Erst später bewegt Joachim das im Hintergrund stehende Gestell auf die Bühne, auf dessen Vorderseite der Zeh aufgemalt ist. Der kleine große Zeh nimmt somit viel Raum und einen Großteil des Blickfeldes ein, nicht nur das Publikum kann ihn nicht übersehen: Auch Corinna, die bei einer kurzen Abwesenheit Joachims versucht ihn aus dem Zimmer zu entfernen und daran scheitert, das Gerüst aus der Tür zu bringen. Auf diese Weise wird die Bedeutung dieses kleinen menschlichen Körperteils unterstrichen. Genauso wie der Zeh der Aufhänger für die Handlung wird, nimmt das Gerüst am Ende des Stückes eine andere Funktion ein. 

Die Geschichte um den großen Zeh, dessen Herkunft nicht erklärt wird, sondern nur vermutet werden kann, ist aber nur der Rahmen für ein experimentelles Sprachspiel. Während in der ersten Szene die Sprecheinsätze in den Dialogen perfekt orchestriert sind und immer absurdere Gesprächsthemen aufkommen, scheitert Corinna in der zweiten Szene daran, vor dem Monolog ihrer Mutter zu Wort zu kommen. Wiltrud Schreiner darf als Corinnas Mutter Mechthild nicht nur einen gefühlt 15-minütigen Monolog über Photosynthese führen, deren Leistung mit spontanem Applaus goutiert wird, sondern auch ganze Textabschnitte reimen. Dazu kommen viele Wortspiele, Zweideutigkeiten und abrupte Themenwechsel.

Jedoch will die Inszenierung von Nurkan Erpulat insgesamt zu viel in zu kurzer Zeit. Die Dialoge sind so schnell und die Monologe so lang, dass das Publikum all die linguistischen Feuerwerke nicht ausreichend verarbeiten kann. In der Konzentration auf die sprachlichen Mittel geht schließlich auch die Pointe der Handlung unter. Eine Kürzung oder ein langsameres Tempo hätte dabei geholfen, sich auf die Sprache und die Handlung gleichzeitig zu konzentrieren.

Fazit: Sprachlich fantastischer Text von Händl Klaus, mit kreativer Bühne und fantastischen Schauspieler*innen umgesetzt, die Inszenierung will aber insgesamt zu viel zu allem.


DUNKEL LOCKENDE WELT

von Händl Klaus, Gewinner NESTROY 2020 in der Kategorie „Beste Off-Produktion“

Inszenierung: Nurkan Erpulat |Bühne & Kostüm:Renato Uz |
Künstlerisches Design & Realisierung Zeh:Turgut Kocaman |
Musikalische Einrichtung:Fritz Rainer | Autor:Händl Klaus
Dramaturgie:Hannah Lioba Egenolf |Mit: Constanze Passin, Wiltrud Schreiner, Wojo van Brouwer


Mehr Informationen unter: https://werk-x.at/premieren/dunkel-lockende-welt-2/

Fotos: © Matthias Heschl

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