Trommelnd gegen die Verantwortung

Premiere: Schauspiel Frankfurt /// 11.01.2015 /// Die Blechtrommel
Mitschnitt: Übernahme Berliner Ensemble /// 12.03.2020 /// Die Blechtrommel

Oskar Matzerath zwischen Widerstand, Kollaboration sowie dem kollektiven Verdrängen des Nationalsozialismus: Oliver Reese inszeniert den Welterfolg des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass aus dem Jahr 1959 als fulminante Ein-Personen-Show.


Auf einer spartanisch eingerichteten Bühne erzählt Nico Holonics die Lebensgeschichte Oskar Matzeraths. Dabei schlüpft er in unzählige Rollen und haucht dem Text mit seinen präzisen Betonungen Leben ein. Durch seine Wandlungsfähigkeit schafft er es immer wieder zu überraschen.

Besagter Oskar Matzerath behauptet, er sei bereits zum Zeitpunkt seiner Geburt 1924 im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen. Die Erwachsenenwelt und die damit einhergehende (Eigen)Verantwortung lehnt er jedoch ab. Mit drei Jahren beschließt er, nicht mehr weiterzuwachsen. So wird er zum außenstehenden Beobachter seines Umfelds, sein Hauptinteresse gilt jedoch den rotweißgezackten Blechtrommeln. Trotz wiederholter Zerstörung selbiger schafft Oskars Mutter, Agnes Matzerath, unentwegt neue an. Dies tut sie jedoch nicht primär aus „Mutterliebe“, sondern aus Angst: Sein Geschrei kann selbst Glas zum Bersten bringen.

Oskar ist eine ambivalente Figur: Einerseits zwingt er einen Naziaufmarsch nach dem Walzertakt seiner Trommel zu tanzen und ist für das förmliche Ersticken seines Stiefvaters an dessen nationalsozialistischer Ideologie verantwortlich. Andererseits tritt er später in einem Fronttheater auf und unterstützt so das Regime. Oskar Matzerath ist zugleich Außenseiter, Beteiligter, Widerständler und Kollaborateur.

Dieser Umstand gewinnt in Anbetracht der Biografie des Autors an zusätzlicher Prägnanz: Günter Grass war ein hochgeachteter Künstler und Intellektueller. Er galt jahrzehntelang als eine der moralischen Instanzen Nachkriegsdeutschlands. Im Jahr 2006 komplizierte sich die Legitimität dieses Status durch neue Informationen nachhaltig: Grass war als Siebzehnjähriger Teil der Waffen-SS gewesen.

Mit Überwindung des nationalsozialistischen Regimes und Oskars 21. Geburtstags endet auch seine Ablehnung gegenüber der Welt der Erwachsenen: Er beginnt zu wachsen, womit auch das Stück seinen Abschluss findet. Oskar steht metaphorisch vor einer Frage, der sich nicht nur ganze Staaten stellen müssen, sondern die auch für jede*n Einzelne*n gilt: Bin ich bereit, erwachsen zu werden und Verantwortung für die ungeheuren Verbrechen an der Menschheit zu übernehmen? Oder werde ich weiterhin jegliche Schuld von mir weisen, die Wahrheit ausblenden sowie das schlechte Gewissen mit meinem Trommeln übertönen?

Fazit: Einzig die überzeichnete schauspielerische Darstellung der Frauenrollen hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Dieser ist jedoch primär durch die fragwürdigen Ansichten Oskar Matzeraths, der Erzählerfigur des Abends, bedingt. Das minimalistische Bühnenbild gibt dem Text zusätzlich Raum, welchen Nico Holonics mit präzise gezeichneten Sprachbildern sowie mitreißendem Schauspiel zu füllen weiß. Diesen Theaterabend sollte sich niemand entgehen lassen!


DIE BLECHTROMMEL
von Günter Grass

Schauspiel: Nico Holonics | Regie: Oliver Reese |  Bühne: Daniel Wollenzin | Kostüme: Laura Krack | Musik: Jörg Gollasch | Licht: Steffen Heinke | Dramaturgie: Sibylle Baschung

Dauer: 110 Minuten

Weitere Informationen zum Stück: Klick!
Streambar unter: Klick!


Fotos: © Birgit Hupfeld

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