My home is my castle – Nachwuchswettbewerb 2019

Theater Drachengasse /// 27. Mai 2019 /// My home is my castle – Nachwuchswettbewerb 2019

Von Prepper_innen in Ottakring zu einem Geschwisterpaar, dessen Hausspinne ganz sicher und die Großmutter vielleicht tot ist: Die Antworten auf den Aufruf My home is my castle sind vielfältig und alle bezaubernd.


Der Nachwuchswettbewerb des Theaters Drachengasse, in Kooperation mit der Kulturabteilung der Stadt Wien, findet 2019 zum zwölften Mal statt. Insgesamt 53 Produktionen von jungen Theaterschaffenden wurden eingereicht. Meine Highlights im Feld der Zahlen rund um den Wettbewerb sind aber folgende: 67 Prozent der Teilnehmer_innen sind Frauen, 65 Prozent der Gruppen sind international besetzt.
Die ausgewählten vier Produktionen, die noch bis zum 15. Juni gezeigt werden, werden als 20-minütige Auszüge der Stücke aneinander gereiht präsentiert. Anschließend an die Vorstellung können die Zuschauer_innen für ihren Favoriten abstimmen – Die Produktion mit den meisten Publikumsstimmen erhält ein Preisgeld von 1 000 Euro.
Eine der vier Produktionen erhält außerdem den Jurypreis, der ein Preisgeld von 10 000 Euro und die Aufnahme einer Langfassung des Stücks in der Spielzeit 2019/20 im Theater Drachengasse vorsieht. Welche Stücke gewinnen wird im Anschluss an die letzte Vorstellung am 15. Juni verlautbart.

Hier meine Eindrücke zu den vier Stücken der Finalist_innen:

INCH Bag unisex S50x35 – I’m never coming home

Mit Ninjakicks und in Nebelschwaden treten die Prepper_innen aus Wien-Ottakring auf die Bühne. Der festen Überzeugung folgend, dass die Apokalypse unausweichlich ist und bald bevorsteht, treffen die vier Figuren Vorkehrungen: Jede Woche treffen sie sich und packen zusammen ihren Koffer, äh, Rucksack. Der Rucksack zum Überleben. Was zum Packen animiert sind Furcht und der Wunsch nach Sicherheit, aber das kann’s doch nicht gewesen sein, mit der Welt … Oder? Ist es denn schon so weit, dass wir nichts anderes mehr machen können, außer uns auf die Apokalypse vorzubereiten? Abwechselnd im Chor oder im Spotlight allein spielen die Schauspieler_innen, der Text ‘mal’ exakt, lyrisch gestrickt, ‘mal in Alltagssprache. Das Stück lässt das Publikum manchmal kichernd und manchmal nachdenklich zurück.
Stichworte: Dramedy, Survivalists, lyrischer & alltäglicher Ton

Lebensmenschen

Sie trafen sich in einem Darkroom: Sie fand ihn heiß, er sie nicht, also nicht so, denn er mag Männer – und trotzdem sind sie aneinander picken geblieben: Kira und Markus sind Freunde geworden, und hört man ihnen bei den Kabbeleien zu, vergisst man manchmal, dass sie kein Paar sind. Kira will ein Kind von ihm, Markus ist sich unsicher: Er sagt, dass, wenn man als schwuler Mann in Kroatien aufwächst, Kinder haben nicht denkbar ist. Sie sprechen über Vergangenes, die Gespräche drehen sich immer wieder um Herkunft und Heimat. Die Gleichung “Herkunft = Zuhause” ist eine Gleichung, die so für sie nicht aufzugehen scheint.
Stichworte: Psychologisch, Familie anders gedacht, Nicht-Weiß sein

Zweinsamkeit

Marzella Ruegge eröffnet das Stück mit einem Monolog, in dem sie die Leistungsgesellschaft mit Aussagen wie: “Ist es schon Zeit Kinder zu bekommen oder vermiesen die mir nur die Jobchancen?” kritisiert. Danach beginnt sie sich gemeinsam mit ihrem Partner, gespielt von Matthias Friedel, bettfertig zu machen. Der vor Körperkomik sprießende Konflikt um den gemeinsamen Kopfpolster zeigt, warum miteinander schlafen so schwierig ist, denn das Ego ist selten so groß wie im Bett. Den Konflikt trägt man selbstverständlich stillschweigend aus, denn man will ja nicht miteinander streiten.
Dem Publikum offenbart sich ein durchchoreographiertes Zusammenleben zweier Personen mit sehr gegensätzlichen Perspektiven: Sie beschäftigt sich mit den negativen Einflüssen der Außenwelt und der Gesellschaft auf ihr Leben. Er zollt dem keine Aufmerksamkeit, verfällt aber völlig in Rage über einen Fleck in den eigenen vier Wänden, der zuvor nicht da war.
Stichworte: Durchchoreografiert, Körperkomik, zusammen nur zuhause.

Das Heimspiel der Begonien

Das Setting gibt bereits einen deutlichen Ton an: Ein merkwürdiges Gemälde einer Frau mit zwei Kleinkindern an der Wand, die Gewänder von Alice Peterhans und Bettina Schwarz in scheußlichen Farb- und Musterkombis schmerzen in den Augen. Als Kind der 2000er Jahre erinnert mich die eingespielte Musik an die fröhlich-verspielte Ukulelemusik von SpongeBob Schwammkopf.
Der Dialog des Geschwisterpaars Grete und Gregor dreht sich darum, dass sie ewig schon keine Post mehr bekommen haben, die definitiv erschlagene Spinne, die vielleicht tote Großmutter und die Frage, ob man vielleicht selbst tot sei, denn wenn man tot wäre, würde man sicherlich keine Post mehr kriegen. Nach dieser Manier verzwirbeln sich die Überlegungen der Figuren zu immer abstruseren Schlussfolgerungen, die das Publikum in ihrer Absurdität mehr und mehr zum Lachen bringen. Wie in einer Blase gefangen, aber in dieser ganz zufrieden, leben Grete und Gregor (oder vielleicht auch nicht, denn das würde ja die fehlende Post erklären.)
Stichworte: Kauzig, urkomisch, was-ist-jetzt-mit-der-Großmutter!?!

Fazit: Jedes Stück hat eine spannende andere Perspektive auf die Frage, wie und was zuhause sein kann, jetzt und hier. Ich bin froh, dass ich nicht entscheiden muss, welches Stück gewinnt, denn sie waren alle großartig, alle auf ihre eigene Art und Weise. Der Abend ist kurzweilig und durch die sehr unterschiedlichen Produktionen abwechslungsreich – Einfach sehenswert! <3

P.S.: Ich habe am Montag die Theatermacher*innen gefragt, was in ihren Produktionen “zuhause” bedeutet – Die Antworten sind als Highlight „zuhause?“ auf unserem Instagramprofil @neuewiener zu finden.


INCH Bag unisex S50x35 – I’m never coming home
Idee, Text: Rachel Müller, Wiebke M. Yervis
Schauspiel: Annina Hunziker, Moritz Ilmer, Rachel Müller, Wiebke M. Yervis

Lebensmenschen
Regie: Isabella Sedlak
Text: Dino Pešut
Bühne, Kostüm: Shahrzad Rahmani
Schauspiel: Kira Lorenza Althaler, Markus Bernhard Börger

Zweinsamkeit
Kreation, Umsetzung: Maximilian Friedel, Marzella Ruegge

Das Heimspiel der Begonien
Text, Regie: Stephanie Schreiter
Best Hand, Assistenz: Anna Kramer
Musikalischer Support: Silvia Schmidt
Schauspiel: Alice Peterhans, Bettina Schwarz

Team Drachengasse
Coaching: Katharina Schwarz, Helge Stradner
Projektorganisation: Kathrin Kukelka-Lebisch
Lichtdesign, Ton: Stefan Rauchenwald
Bühnentechnik: Hannes Stockinger, Gregor Wallner
Fotos: Barbara Pálffy
Grafik: Köhler WD

Weitere Infos und Termine findest du hier: Klick!


Bildrechte: (c) Köhler WD

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