Martin Kušejs Frauenopfer

Martin Kušej ist in der Theaterszene bekannt für großflächige Inszenierungen, die imposanten Ölgemälden gleichen. Nun hat der Regisseur, der seit drei Monaten das Burgtheater leitet, mit “Hermannsschlacht” seine neueste Arbeit vorgestellt, in der wieder mal eine Frau geopfert wird. Das erinnert uns an andere Stücke des einstigen enfant terribles und stellt die Frage, wie es denn nun um das Frauenbild am Burgtheater bestellt ist. Die NWT-Redaktion diskutiert und holt sich dazu die Meinung von Expert_innen.

 

Alte, langweilige Frauenbilder

Vergangene Woche bemühte das Burgtheater in ihrem Newsletter das misogyn-stereotype Bild der “Schwiegermutter”, um die Weihnachtsaktion anzukurbeln. Über E-Mail und Instagram war keine Reaktion des Burgtheaters zu erhalten und unsere Redaktion begann zu diskutieren. Kulturwissenschaftlerin Beatrice Frasl erklärte in einer IG Story die Problematik des Stereotyps “Schwiegermutter”.

Screenshot Newsletter Burgtheater November 2019

“Neben sexistischem Ageismus (Frauen ab einem gewissen Alter sollten am besten anspruchslos still und unsichtbar sein, sonst sind sie eben “lästig” oder “peinlich”) ist ihm auch die Idee der um einen Mann konkurrierenden “stutenbissigen” Frauen implizit. Diese Idee findet sich in patriarchalen Kontexten in vielfältigen Variationen. Es ist eine alte und langweilige Strategie, Frauen als Feindinnen festzuschreiben, eine Strategie, die kollektives, solidarisches Handeln zu verhindern versucht.” (Beatrice Frasl)

 

 

 

Und wie sieht es auf der Bühne aus? “Die Hermannsschlacht war wirklich skurril. Die Darstellung der weiblichen Hauptfigur wiederholt ein Frauenbild, dessen wir alle müde sind” resümmiert NWT-Redakteurin Michèle Pauty ihr Theatererlebnis. Ähnlich sieht das Verena Strasser, ebenfalls Mitglied bei Neue Wiener Theaterkritik: “Ich war von ein paar Jahren bei Hexenjagd und damals so entsetzt, dass ich mir gar nichts mehr von ihm anschauen wollte.” Kern ihrer Kritik ist die Darstellung sehr junger, nackter Frauen, die als Statistinnen keine weitere Rolle spielten, als das Bild, das sie darstellen sollten. Nina Bade studiert Inszenierung der Künste und der Medien in Hildesheim und war damals mit Strasser im Theater: “Ich erinnere mich an viele Frauen, die fast oder ganz nackt auf der Bühne saßen und objektifiziert dargestellt wurden und sehr viele Männer, die die ganze Zeit gesprochen haben. Das Stück war aus einer sehr patriarchalen Sichtweise inszeniert”, so ihre Erinnerung an Hexenjagd. Die partiarchale Perspektive in Kušejs Inszenierungen erkennt auch NWT-Kritikerin Veronika Schneider in Hermannsschlacht, die sie als “imposanten Verbrauch an Blut und männlichen Schauspielern” beschreibt.

 

Szenefoto Hermannsschlacht, Burgtheater 2019

Vom mächtigen Männer-Regisseur sprachlos als Gegenstände ins Bild inszenierte nackte Frauen? 

Diese Ära des Theaterschaffens sollte eigentlich vorbei sein. “Geschlechter-Repräsentationen geben soziale Positionen an, haben und vermitteln Bedeutung. Die Konstruktion von Geschlecht ist Produkt und Prozess von Repräsentation. Auf Theaterbühnen werden Geschlechterdifferenzen reflektiert, Geschlechterhierarchien bestimmen und kontrollieren nach wie vor die Produktion, Perspektive und Inszenierung”, meint dazu Christian Berger, Sprecher des Frauen*Volksbegehrens, und selbst langjähriger Burgtheater-Abonnent.

 

Reflexion oder Reproduktion, das ist hier die Frage

In ihrer Schulzeit, vor rund 15 Jahren, erlebte die heute in Wien lebende Kärtnerin Simone Berg mit Martin Kušejs Inszenierungen zum ersten Mal Theater, das sie beeindruckte: “Als Schülerin in Klagenfurt habe ich gefeiert, dass das traditionelle Theater derart gebrochen wurde”, erzählt sie. Vergangene Woche freute sie sich, dass der Kärtner Slowene, den sie auch aufgrund seiner Herkunft schätzt, am Burgtheater arbeitet. Doch der Faust war ihr zuviel: “Ich bin das erste Mal in meinem Leben mitten im Stück gegangen. Es war sexistisch und ohne Begründung derb.” Viele Zuschauer*innen erlebten die expliziten Sexszenen und andere inszenatorische Elemente als irritierend und verließen in der Vorstellung, die Berg besuchte, den Saal. “Dass jemand auf die Bühne gekotzt hat, war nicht das geschmackloseste”, beschreibt der ehemalige Kušej-Fan den Abend und resümiert, der Burgtheaterintendant und sie hätten sich wohl “auseinandergelebt”. Der Fauststoff zeichnet eine extrem patriarchale Gesellschaft. Kušej versucht diese Darstellung zu brechen, indem er die Rolle des Mephisto mit einer Frau besetzt. Inwieweit die Derbheit als zielführendes Stilmittel eingesetzt wurde, müssen Zuschauer*innen wohl selbst entscheiden. Bei derart geballter Sexualisierung auf der Bühne stellt sich allerdings die Frage nach der Darstellung von Machtverhältnissen.

“Kultur schafft Bedeutung und entsteht im Kontext bestehender Machtverhältnisse. Theater kann aktiv versuchen, diskriminierende Strukturen aufzuzeigen und sie zu kritisieren oder sich an der unreflektierten Reproduktion dieser Strukturen beteiligen”, meint Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner (Insta-Handle: @femsista). In welche Richtung sich das Burgtheater unter Martin Kušejs Leitung wendet, wollen wir nach den ersten drei Monaten seiner auf fünf Jahre angelegten Intendanz nicht vorhersagen. We will see.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Nun mögen Kritik-Kritiker*innen sagen, Kunst sei doch nur Kunst. Der elitär abgeschlossene Elfenbeinturm habe eh nur wenige Zuschauer*innen. Wirklich wichtig seien die Massenmedien, wenn das Bild von Frauen in der Öffentlichkeit verändert werden soll. Elisabeth Lechner sieht das anders: “Es ist nicht egal, welche Geschichten erzählt werden und welchen Menschen wir Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ermöglichen. Auch am Theater sollte gleichberechtigte Teilhabe für alle – sei es in der Produktion, auf der Bühne oder in Pressetexten – oberstes Ziel sein.”

Burgtheater-Abonnent Christian Berger sieht das ähnlich: “Theaterbühnen sollten gesellschaftliche Missstände nicht bloß abbilden, sondern künstlerisch thematisieren, herausfordern und verkehren. Eine Theaterbühne, die die politökonomische Marginalisierung von Frauen oder männliche Gewalt bloß abbildet, läuft Gefahr, diese Missstände zu verstärken und trägt weder künstlerischen Ansprüchen noch ihrer öffentlichen und demokratischen Verantwortung Rechnung.” Neue Wiener Theaterkritik sieht sich als offene Diskussionsplattform für die Wiener Theaterszene. Daher warten wir gespannt auf Reaktionen aus dem Burgtheater und werden sie – so sie eintreffen – hier veröffentlichen.


PS: Wir freuen uns über alle Diskussionsbeiträge. Gemeinsam wollen wir ein Theater, das die Vielfalt der Gesellschaft abbildet und Geschichten erzählt, die wirklich Alle betreffen. Kommt zu unseren monatlichen Stammtischen und gemeinsamen Theaterbesuchen und diskutiert mit!

“Es ist leiwand, außer es is oasch. So ehrlich simma.”

Eure Neue Wiener Theaterkritik Redaktion

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