Leere und einsame Körper im Eisschloss

Theater an der Josefstadt /// 15. November 2018 /// Der einsame Weg

„Wer hat sie denn gekannt von uns allen?“, fragt sich die Figur Felix über seine eigene Schwester Johanna, als er in der finalen Szene des Stückes erfährt, dass sie sich auf brutale Weise ertränkt hat. Ein sehr sachlich-kühles Statement des Bruders, von dem man ja eigentlich eine weitaus emotionalere Reaktion erwarten könnte: einen tragischen Zusammenbruch oder zu mindestens ein bisschen Tränen vergießen.
Emotionslosigkeit, Kälte und Stille– Stimmungen, die die Inszenierung von Mateja Koležnik des fünfaktigen Schauspiels „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler im Theater an der Josefstadt dominieren.


Um das Jahr 1900, die Zeit der industriellen Revolution und technisch-wirtschaftlichen Blütezeit: Schnitzler fokussiert den Menschen in seiner Passivität verharrend, ausgeliefert einer profitorientierten und herzlosen Gesellschaft.

Acht Figuren- zwei Generationen- eine Familie, kämpfen mit der Sinnleere in ihrem Leben. Aufkeimende Wünsche, Sehnsüchte und Träume werden sofort zerstört, verworfen und als lächerlich erklärt. Misstrauen und Egoismus schränken die sozialen Beziehungen auf ein erbärmliches Aneinandervorbeileben ein.

Ein Stoff, den man ganz wunderbar auf Heute, unsere rücksichtslose, oberflächliche und von Massenmedien verdorbene Gesellschaft übertragen kann. Ein Nebeneinanderherleben, Desinteresse seiner Mitmenschen und Ichbezogenheit kennen wir schließlich alle aus dem faden Alltag, der konkurrenzgeilen Berufswelt, oder dem mehrstöckigen Wohnhaus, in dem sich keiner um den anderen schert.

In der Inszenierung am Theater an der Josefstadt konzentriert sich Koležnik auf die Geschwister Felix und Johanna, die in einer Grenzsituation schweben.

Wie gehen die Geschwister mit der Vergangenheit um und was machen sie aus ihrer Zukunft?

Die Ohnmacht und Ideenlosigkeit der Figuren macht es ihnen unmöglich zu handeln, sodass der einsame Weg für die arme Johanna schließlich in einer Sackgasse endet. Dem Freitod.

Einsam und alleine wirken die Schauspieler auch in dem imposanten Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp. Zwei hintereinanderstehende, mobile Wände mit vier überdimensionalen Türen erzeugen eine einprägsame Symbolik: Das permanente Tür-auf und Tür-zu verdeutlicht wie Menschen abgeschottet und entfremdet innerhalb eines Lebensraumes wohnen. Die umgebene Welt wahrnehmen und angemessen auf andere Menschen eingehen, ist für die Figuren in Arthur Schnitzlers Werk unmöglich. Das Bühnenbild in blau-grauen Farben harmoniert mit den Kostümen der Schauspieler, welche die gesamte Farbpalette an Blautönen ausschöpfen. Die Farben unterstreichen die in dem Stück herrschende Einsamkeit und Kälte und lassen die Bühne an ein Eisschloss erinnern.

Betont wird die innere Leere der Figuren durch eine unangenehme Stille. Ein leises Knacken und ein unangenehmes Surren sind teilweise vernehmbar. Das war‘s aber auch schon an musikalischer Untermalung. Die Inszenierung verharrt hauptsächlich in einer peinigenden Stille.

Mit der bewussten Entscheidung ein Stück ohne Dynamik zu inszenieren, geht Koležnik aber auch das Risiko ein, dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer_innen nach einiger Zeit nachlässt.  Knapp 90 Minuten dauert die Aufführung. Leider fühlte sie sich auch ebenso lang an. Die emotionalen und seelischen Tiefen der Personen und ihren inneren Konflikt hätte man mehr ausleuchten können. Die Haltung der Regie gegenüber bestimmter Figuren ist nur wage erkennbar. Der Darstellung fehlt eine Reflexion auf Heute, die den Zuschauer_innen im Saal überzeugt, warum Schnitzler zum xten Mal auf die Bühne gebracht wird. Das Programmheft liefert zwar vielseitig inhaltliche Überlegungen, doch bleiben Assoziationsräume in der Inszenierung leider vorwiegend offen. Schade, denn der Schnitzler-Stoff bietet eine große Bandbreite an soziologischen, gesellschaftlichen und politischen Ansätze. So wirkt die Inszenierung ein wenig schnarchig…

Die Empörung von dem Nichts und das Genervtsein von der Passivität der Figuren gibt den Zuschauer_innen doch einen wichtigen Impuls mit nach Hause: Selbstbestimmt und aufmerksam durchs Leben gehen und Anteilnahme zeigen, ob an seinen Mitmenschen oder an der Politik und Gesellschaft!


Der einsame Weg

von Arthur Schnitzler

Regie: Mateja Koležnik

Bühnenbild: Raimund Orfeo Voigt, Kathrin Kemp

Kostüm: Alan Hranitelj

Choreografie: Matija Ferlin

Musik: Nikolaj Efendi

Dramaturgie: Matthias Asboth

Licht: Emmerich Steigberger

Schauspieler_innen: Marcus Bluhm, Therese Lohner, Alexander Absenger, Alma Hasun
Ulrich Reinthaller, Bernhard Schir, Maria Köstlinger, Peter Scholz


Bildrechte: (c) Astrid Knie

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