Keine Individualität im öffentlichen Raum

Theater Akzent im Rahmen der Wiener Festwochen /// 7. Juni 2018 /// LA PLAZA

“Was bedeutet Zeitverschwendung?” fragt “La Plaza” zu Beginn des Stückes. Das irritierende Experiment eines Theaters ohne gesprochenen Text geht auf, weil der Bruch aus Text und Bild zum Nachdenken über Diskurse, Utopien und mir selbst anregt.


Protagonist des Stückes ist das Publikum selbst; dieses wird direkt per “du” über an die Rückwand projizierte Texte angesprochen und somit zum Hauptdarsteller. Diese Person kehrt nach einem Theaterstück, das ein Jahr lang gedauert und nur daraus bestanden hat, ein Bild zu betrachten, nach Hause. Dabei bewegen ihn/sie Szenen im öffentlichen Raum, verkörpert durch gesichtslosen Figuren, zu philosophischen Gedanken über das Leben und aktuelle Debatten.

Das Publikum fühlt sich mit den Texten an der Wand angesprochen, da sie prototypische Wege, Gedanken und Handlungen des europäischen Mittelstandes repräsentierten. Die gesichtslosen Menschen verstärken das Gefühl der Austauschbarkeit als Teil einer nicht individualisierten Masse im Rahmen des Stückes. Leider wurde die Chance vertan, diesen menschlichen Prototyp geschlechtsneutral zu gestalten, da er an einen Mann ausgerichtet ist.

Anwendbar ist dieses “ich” auf die westliche Welt, die Abgrenzung geschieht durch die Behandlung des Diskurses der Muslime, das in Form von Frauen mit Kopftuch auf der Bühne und Gedanken über muslimische Männer im Text getätigt wird. Absurd mutet es an, dass dieses Thema als erstes behandelt wird und auf dieselbe Stufe wie die zeitlosen “Tod” und “Begehren” gestellt wird. Das kommt eher einem Entgegenkommen des rassistischen Diskurses gleich, der “Andere” als ein Hauptproblem instrumentalisiert.

“La Plaza” ist nicht nur die Beschreibung der europäischen gesellschaftlichen Gegenwart, sondern auch der Dystopien, auf die wir zusteuern. In dieser Zukunft sind die Tage nicht mehr durch Arbeit, sondern nur durch Schlaf geteilt und das bloße Betrachten eines stillen Bildes stellt Vergnügen, Ablenkung und Kunst dar.

Ein unorthodoxes Stück, das vom Publikum eine gewisse Nachbetrachtung fordert, um seinen Themen gerecht zu werden. Es funktioniert, weil es nahbare Texte präsentiert, welche die Bilder an der Bühne kontrastieren und auf diese Weise Reflexionen anregen, die allerdings zu sehr der Mainstreammeinung folgen.


La Plaza

El Conde de Torrefiel in Zusammenarbeit mit den Performer*innen

Regie: Tanya Beyeler, Palbo Gisbert


Bildrechte: (c) Rebeca Braga

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