Eine Liebeserkläung an die Randomness

Max Reinhardt Seminar /// 20. März 2019 /// Ich habe dich gegoogelt

Regisseurin Anna Marboe lässt in dieser Stückentwicklung Geistesblitze nebeneinander koexistieren, anstatt sie zu vereinheitlichen. Das Ergebnis ist eine lustige, bunte Mischung aus, nun ja, Randomness.


Als das Publikum in den Zuschauer_innenraum hereinkommt, sitzt ein Schauspieler, Julian Waldner, bereits da und spielt „Oh Tannenbaum“ auf einer Melodika. Eine merkwürdige Liedauswahl für ein Stück mit einer Premiere im März, denke ich mir, nicht ahnend, wie programmatisch dieser Umstand für diesen Abend ist. Im Anfangsmonolog erzählt Walder von der Entstehung des Projekts: Fünf Freunde (und Philip, irgend so’n Typ) haben eines Nachts zu viel getrunken und da, die Idee: Eine Reality TV-Show am Mars. Die fünf Freunde und Philip beschließen die Idee umzusetzen und nennen sich ab jetzt das Projekt.

 

 

Bevor das Raumschiff abhebt, stellen sich die Beteiligten noch gegenseitig vor: Der Physiker (Walder), die Weltraumrechtlerin (Jakob D’Aprile), Philip (Philip Leonhard Kelz), Arnold Schwarzenegger (Emilia Rupperti), die Botanikerin (Lisa-Maria Sommerfeld) und Michael Collins (Phillipp Auer). (Man hat ja Phil Collins engagieren wollen, aber er war schon wo anders gebucht.) Nun geben die Vorgestellten das Manifest des Projekts wieder, das 246 Regeln umfasst, aber kein Ende ist in Sicht, denn Regel Nummer zweihundertdreiundvierzigstens: das Projekt nimmt kein Ende!

Es sind Regeln wie:

14. Wenn man live, on stage, mit seinem Vornamen angesprochen wird, darf man abgehen und erst wieder auftreten, wenn sich der Schuldige auf Knien entschuldigt und beim nächsten Mal Schokolade oder einen Kuchen mitbringt.

So passiert’s dann auch: Die Schauspieler_innen nennen sich gegenseitig bei ihren echten Vornamen und gehen nach der Reihe ab – Doch die verbliebene Botanikerin weiß sich auch anders zu behelfen:

178. Niemand ist allein.

Da kommen die anderen wieder herbeigelaufen. Umsetzungen und Spielereien mit den aufgestellten Regeln ziehen sich durch das gesamte Stück, auch etwa bei Regel Nummer fünfunddreißigstens:

35. Musical-Szenen sind immer möglich.

Trashige Techno-Musik setzt ein und das Projekt fängt an ebenso trashig zu tanzen, fährt aber ungerührt mit dem Aufsagen des Manifests fort.

Auf dem Mars gelandet, beginnt die Reality TV-Show und die verschiedenen Subgenres werden aufgegriffen: Big Brother, ein Gesangswettbewerb, eine Dating Show und schließlich ein Tanzbewerb (Die Tanznummer zu Aerosmiths „I don’t want to miss a thing“ … Ich werde sie nie vergessen <3).

 

 

Alles, was ich in diesem Stück gesehen habe, habe ich in irgendeiner Form schon einmal an anderer Stelle gesehen, aber: Ich habe noch nie ein Stück gesehen, das so beharrlich unvorhersehbar war bzw. blieb. Die Regeln des Manifests beispielsweise wirkten auf mich, als wären sie genau so – auch in dieser Reihenfolge in einem Brainstorming entstanden: Entstanden ist dabei ein buntes Gemisch, das kein Interesse daran hat, sinnhaft und / oder geistreich zu sein. Zusammenhänge sind die Ausnahme. Ich bin gespannt in diesem Stück gesessen, weil ich habe wissen wollen, welcher Unsinn als nächstes kommt. Die unvorhersehbaren Wendungen erinnern mich an die glorreiche Zeit des Internets, an die Zeit vor den Echo Chambers: Man hat bei Piano Cat begonnen und hat keine Ahnung gehabt, wo man innerhalb der nächsten Stunde gelandet sein wird. Das Stück hat seine Schwächen – manchmal werden die Schmähs zu lange gezogen und verlieren so ihre Wirkung, die Musik war an einigen Stellen zu laut – aber das Stück weiß, was es ist: Ein riesiges konsequentes „Wieso auch nicht?“, das ich sehr zu schätzen weiß.

Fazit: Wer sich auf eine der großen Fragen der Menschheit – nämlich: „Wieso auch nicht?“ – einlassen kann, wird einen verdammt lustigen Abend haben. Wer das nicht kann, wird frustriert dasitzen und sich denken: „Wieso!?“

P.S: Ich habe lange nicht mehr so viel gelacht im Theater. Gerne öfter und mehr.


Ich habe dich gegoogelt
… und du bist unwichtig, aber deshalb musst du nicht weinen.
Kollekivarbeit von Anna Marboe und Ensemble

Michael Collins: Philipp Auer
Die Weltraumrechtlerin: Jakob D’Aprile
Philip: Philip Leonhard Ketz
Arnold Schwarzenegger: Emilia Rupperti
Die Botanikerin: Lisa-Maria Sommerfeld
Der Physiker: Julian Waldner
Regie: Anna Marboe
Ausstattung: Thomas Schrenk
Licht: Gerhard Fischer
Sounddesign: David Lipp
Dramaturgische Mitarbeit: Lilli Strakerjahn
Regieassistenz: Rachel Müller
Inspizienz: Lukas Michelitsch

Weitere Infos und Termine hier: Klick!


Bildrechte: (c) Andrea Klem

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