Drei Sprachen für ein Wechselbad der Gefühle

WERK X /// 18.Jänner 2019 /// Gegen die Wand

Das WERK X präsentiert erneut die Theateradaption von Fatih Akins Erfolgsfilm “Gegen die Wand” als trilinguales Stück mit genialer Besetzung und perfekt durchdachter Inszenierung, bei welcher der Spaß nicht zu kurz kommt.


Fatih Akins Film “Gegen die Wand” hat bei seiner Erscheinung 2004 in der deutschen Gesellschaft eine Debatte über die Lebensweise der Deutschtürk_innen ausgelöst: Weil die Familie der 20-jährigen Sibil ihr nicht erlaubt, nach ihrer Vorstellungen zu leben, begeht sie einen Selbstmordversuch. Nach dessen Scheitern landet sie in einer Klinik, in der sie den doppelt so alten Cahit kennenlernt und einen neuen Ausweg aus ihrem Dilemma findet: Eine Ehe mit ihm, bei der sie, da ihre Familie beruhigt ist, ihre Freiheit ausleben kann. So weit, so gut, nach der Hochzeit kann Sibil endlich das Leben führen, das sie sich erträumt hat. Doch die Probleme beginnen, als Sibil und Cahit merken, dass mehr zwischen den beiden ist, als eine Wohngemeinschaft. In weiterer Folge stürzen beide in tiefe Abgründe.

 

Die Inszenierung von Alexander Simon wirkt so ehrlich, weil sie nicht paternalistisch über Türk_innen spricht, sondern türkischsprachige Schauspieler_innen einsetzt, die auch in ihrer Muttersprache sprechen. Zusammen mit der dritten Sprache des Stückes, dem Englischen, wird der Sprachgebrauch den jeweiligen Situationen angepasst und  dadurch authentisch. Aber die Trilingualität des Stückes ist nur ein Teil der perfekt durchgeplanten Dramaturgie: Es gibt kein festes Bühnenbild, sondern die Schauspieler_innen selbst gestalten die Szenerie je nach Anlass um, wobei die dynamischen Bewegungen während der Umbauten Teil der Handlung sind.

 

Dabei kann die Regie auch auf eine großartige Besetzung zurückgreifen. Allen voran Zeynep Buyraç als Sibil, die in der Lage ist, innerhalb der Dauer des Stückes eine Vielzahl an Emotionen (Rebellion, Freunde, Verzweiflung, Wut, Trauer, Resignation) überzeugend zu vermitteln, ohne aufgesetzt zu wirken. Die Nebendarsteller_innen zeigen ihre Stärke in den schnellen Rollenwechsel und in den Slapstick-Elementen, bei denen sich die Zuschauer_innen ob der Lachfrequenz in einem komischen Stück oder gar in einem Kabarett wähnen, vor allem wenn brandaktuelle politische Geschehnisse verarbeitet werden.

Leider bleibt der Schwerpunkt des Stückes auf die Komik beschränkt – die charakterliche Weiterentwicklung der Hauptpersonen erfolgt oft zu abrupt und ist deshalb nicht ganz nachvollziehbar, auch weil die die Handlung so sehr auf Sibil konzentriert ist und die Hintergrundgeschichte von Cahit kaum behandelt wird.

 

Das ist aber schon der einzige Kritikpunkt dieses Abends, der mit fantastischer Besetzung, ausgeklügelter Dramaturgie und sprachlicher Authentizität das Publikum emotional auf vielen unterschiedlichen Ebenen mitreisst.


Gegen die Wand

Nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin

Bearbeitung: Leila Abdullah/ Alexander Simon

Inszenierung: Alexander Simon

Ausstattung: Monika Nguyen

Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf

Mit: Zeynep Buyraç, Aslı Kışlal, Tim Breyvogel, Dennis Cubic, Arthur Werner, Harald Windisch


Bildrechte: Yasmina Haddad

Mehr Informationen: http://werk-x.at/produktion/gegen-die-wand

 

 

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