Bei Kondensmilch hört der Spaß dann auf

Studio Molière /// 24. Mai 2019 /// 3 Episodes of Live, Episode 1

Begleitet von stimmungsvoller Musik thematisiert der erste Teil Markus Öhrns Trilogie u.a. Machtverhältnisse, Geniekult und Gruppendynamik. Diese Themen werden durch Bilder von Frauen, die sich gegenseitig rammeln und schließlich mit Nutella & Co. beschmieren, bearbeitet. Spannend daran waren die Sager und Reaktionen meiner Mitzuschauer_innen.


Arno Waschk und Dorit Chrysler beginnen bereits vor Vorstellungsbeginn ihre Musik zu spielen; Klavier und Theremin, ein ungleiches Doppel. Sie sind und bleiben die nächsten eineinhalb Stunden das absolute Highlight. Die Musik ist atmosphärisch, mal melodisch, mal basslastig – immer in Bewegung, unendlich spannend.

Hinter den Musiker_innen läuft ein Stummfilm ab: Zu sehen sind drei Frauen in Sportgewand, die sich in einem hellen Proberaum stretchen, und ihr Regisseur. Wenig später kommt eine vierte Frau, die Neue, hinzu. “Fuck the floor”, lautet die Anweisung des Regisseurs an die Tänzerinnen. Was folgt, sind gute 20 Minuten, in denen sie zuerst den Boden, schließlich sich gegenseitig rammeln, irgendwann sind sie dabei nackt. Der Regisseur sieht ihnen dabei zu und erteilt Anweisungen: Es ist eine stumpfsinnige, monotone und dadurch ermüdende Angelegenheit – Ich habe Zuschauer_innen noch nie so häufig überdrüssig seufzen, mit der Zungen schnalzen und schnaufen gehört.

Nachdem sich die Neue “bewiesen” hat, läutet der Regisseur das Initiationsritual ein. Er zeigt auf befüllte Plastiktrinkflaschen und Nutellagläser und spricht von ihren Inhalten als “die Säfte des Lebens” – “Um Himmels Willen!”, lautet die Antwort meines linken Sitznachbarn.
Der Regisseur spricht davon, dass die Kondensmilch in den Plastikflaschen für Sperma steht, das Nutella für Scheiße, der Sirup für Blut. Und es kommt, wie es kommen musste, wie es mein Sitznachbar vorausgesehen hatte: Die drei Frauen bespritzen die Neue mit der Kondensmilch. Rechts neben mir höre ich eine Frau etwas Unverständliches flüstern, darauf folgt die Antwort ihrer Begleiterin: “Es dauert eh nimma lang’.” – “Das ist grotesk!”, antwortet die Frau. Ich mein: Irgendwie schon – aber wirklich? Vor mehr als 50 Jahren trug sich die Uni-Ferkelei zu und da war alles echt. In diesem Stück ist es dann grotesk, wenn man auf die Neuinterpretation der Lebensmittel einsteigt: Ich sehe nur Kondensmilch, Nutella und Sirup.
Jedenfalls: Als die Frauen die Neue mit Kondensmilch bespritzen, packen sich die Frauen neben mir zusammen und gehen – die Chance lässt sich die restliche Reihe zu meiner Linken nicht entgehen. Als sich die Gruppe zur Tür hinaus bewegt, erklingt eine ruhige, etwas ironische Männerstimme aus dem Off: “Vielen Dank, bis morgen.” Die immer gleiche Tonaufnahme erklingt jedes Mal, wenn jemand den Raum verlässt.

Kondensmilch und Nutella abgehakt und endlich beim Sirup angekommen, sagt eine Frau hinter mir: “Des geht jetz’ so no’ die gonze Nocht – Wahrscheinlich bis da Letzte geht.” Ich bin froh, dass sie mit ihrem Schmäh daneben liegt.

In Markus Öhrns Episode 1 geht es um Macht, um Gruppenzwang, um Geniekult, um die ewige Grundsatzfrage “Was ist (noch) Kunst?” – So weit, so klar: Wofür sich dabei die vier Tänzerinnen 20 Minuten am Stück rammeln müssen, geht mir nicht auf. Warum man das schon wieder – wie immer – über die “junge naive Frau”-Schiene macht, auch nicht. Die Rahmung “Theatersaal, Regisseur Markus Öhrn, Wiener Festwochen” beantworten die Kunstfrage: Ja, das ist wohl Kunst. Was ich von diesem Abend mitnehme, ist, dass das Bildungsbürgertum Körperflüssigkeiten noch immer anwidert und dass das Publikum sehenswerter als das besuchte Stück sein kann.

Fazit: Die Musik ist umwerfend und hörenswert, die Zuschauer_innen und ihre Reaktionen haben das Stück ausgestochen, denn ihre Sager haben mich zum Nachdenken angeregt. Außerdem hatten sie das perfekte Comic Timing. Deshalb überlasse ich das Schlusswort der Zuschauerin hinter mir, als das Stück dann vorbei war: “Jetz’ hammas endli’ g’schafft.”

P.S.: “Vielen Dank, bis morgen.” stimmt bei mir nicht: Tina Ulrich wird sich Episode 2 und Patrik Meidlinger Episode 3 für Neue Wiener Theaterkritik anschauen.

Link zur Episode 2-Kritik: Klick hier!

Link zur Episode 3-Kritik: Bald.


3 EPISODES OF LIFE
Episode 1

Konzept, Regie, Bühne, Video: Markus Öhrn
Komposition: Dorit Chrysler, Arno Waschk
Theremin: Dorit Chrysler
Klavier: Arno Waschk
Schauspiel: Janet Rothe, Jakob Öhrman
Special Guests: Florentina Holzinger, Netti Nüganen, Antonia Steffens
Masken, Kostüm, Requisite: Makode Linde
Text: Myra Åhbeck Öhrman
Tontechnik: Eskil Lövström
Regieassistenz: Sara Trawöger

Weitere Infos zum Stück und mehr Termine findest du hier: Klick!


Bildrechte: (c) Nurith Wagner-Strauss

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