Balle die FAUST der Feminist*innen

Volx Margareten /// 28. Februar 2020 /// Urfaust / Faustln and out

Urfaust / Faustln and out ist ein Stück, das mehrere feministische Stockwerke übereinanderstapelt. Es gräbt Löcher und baut Türme. Denn, ob eingesperrt im Dachboden, Keller oder am Arbeitsplatz: Männliche Gewalt an Frauen* ist strukturell.


Der Keller ist nicht ungemütlich eingerichtet: Rechts tropft der frische Filterkaffee in die Kanne, links rahmen Zimmerpflanzen ein Sofa paradiesisch grün, hinten dienen Kübel und Lampe als Badezimmer. Der Goethe’sche (Ur)Faust (Günter Franzmeier) liest seinen Text vom Balkon. Vier Mal wiederholt er seinen Monolog während Faustln (Nadine Quittner), Geistln (Steffi Krautz) und Zweiter Geist (Sebastian Pass) in Puffärmel-Blusen zum Blecheimer schlurfen, Zähne putzen, und so zu ihrem Kelleralltag erwachen.

Alltagsszenen verzerren sich im Kellerraum zu einer komischen und zugleich grausamen Verkehrtheit. So bügelt Geistl sorgfältig die Socken, Geist II sprüht ihr dabei mit dem Zerstäuber zu. Das Stromkabel steckt dafür in Faustls Bein. Währenddessen vergleicht Geistl Frauen mit Polstermöbeln. Elfriede Jelineks Text setzt den Klassiker Faust in eine feministische Arena. Denn, die Gestalt des Faust als Symbolbild des männlichen Genius ist „Menschenmüll, den der Klassiker hinterlassen hat. Die großen Kulturschöpfungen kommen ja nicht von der Frau. Aber machmal kann sie wenigstens mit einem kleinen Daunenkissen auf den Marmor einschlagen“ (Jelinek). Die Schauspieler*innen setzen Jelineks scharfen, kläffenden Wortspiele bravourös um. Das Goethe’sche Schmuckstück aus der Schatulle wird im Stück zur fesselnden Fußkette. Zwei Meter ist die lang, nicht zu eng, das Mädl muss ja noch laufen und pissen können.

Es zeichnet sich ein Bild der Gewalt und Unterdrückung. Wenn dem Mann dämmert, dass die Frau überlegen ist, so sperrt er sie in den Keller. Ausgehend von dieser sehr plastischen Darstellung der Gewalt, entwickelt sich eine immer differenziertere Ahnung von dem, was männliche Gewalt an Frauen* ist. Dazu zählt nicht zuletzt auch die brüllende Kritik an Lohnarbeit: Denn ALLES ist Arbeit. Den fulminanten Schluss liefert Nadine Quittner (Faustln) mit gerappten Forderungen nach einer gerechten, feministischen Welt.

Fazit: Ein auf mehreren Ebenen irritierend ehrliches und witziges Stück – unbedingt ansehen (auch für Faust-Nicht-Expert*innen)!


URFAUST / FAUSTLN AND OUT
von Johann Wolfgang Goethe / Elfriede Jelinek

Regie: Bérénice Hebenstreit | Licht: Markus Hirscher | Kostüme und Ausstattungsmitarbeit: Karoline Bierner | Raumkonzept: Ivan Bazak  | Musik: Kathrin Kolleritsch, Oliver Cortez | Dramaturgie: Michael Isenberg | Regieassistenz: Lisa Anetsmann | Regie- und Dramaturgiehospitanz: Claus Michael Six | Schauspiel: Günter Franzmeier, Nadine Quittner, Steffi Krautz, Sebastian Pass

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Fotos: © Christine Miess / Volkstheater

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